Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traueransprache über 1. Korinther 13

Pastor Enno Junge

in Eschede

Ihre Zukunft wird nun ohne S. stattfinden - Freitod eines jungen Mannes

Kasus: Ein 20 - jähriger junger Mann begeht in den frühen Stunden eines Sommertages Selbstmord. Das Motiv ist zwar definitiv unbekannt, aber schnell gibt es wildeste Vermutungen und Gerüchte im Dorf. Zur Beerdigung kamen überwiegend junge Leute.

Liebe Trauergemeinde!

Sie sind ratlos und ich bin es mit Ihnen. Und man kommt nicht umhin, diese Ratlosigkeit erst einmal anzunehmen. S. ist tot und wir sind zutiefst erschüttert, dass so ein junges Leben von einem Tag auf den andern nicht mehr da ist. Die Umstände, die zu seinem Ende geführt haben, bleiben zum größten Teil für uns unverständlich, bleiben für uns für immer verbunden mit vielen und riesigen Fragezeichen. Kann man das verstehen, kann man das nachvollziehen, was sich in den frühen Morgenstunden des 7. Juli ereignet hat? Kann man es fassen? Nein, es ist nicht zu fassen und das macht es gerade auch so unsagbar schwer, es in das eigene Leben einzuordnen und in das jenige Maß zu bringen, das es für Sie, liebe Angehörige, erträglich macht.

Wir können es nicht fassen, denn es entzieht sich unseren Möglichkeiten des Denkens und Nachvollziehens und erst recht des Verstehens.

Und doch müssen Sie, liebe Familie G. und auch Sie, liebe Freunde von S. mit dieser Tatsache leben, Sie müssen, weil Sie weiterleben sollen, sich mit dem Schatten, den die Trauer auch auf Ihr Leben wirft, arrangieren.

Und das ist schmerzhaft, weil unser - auch mein Leben und mein Alltag - von diesem zu frühen Tod betroffen ist. Man kann in Ihrer Situation gar nicht mehr viel denken, geschweige denn sagen und so ist es nur zu verständlich, dass die Sprachlosigkeit in diesen Tagen da ist und auch noch bleiben wird. Es bleibt Ihnen nicht erspart, sich selber so von einer neuen, bis hierher unbekannten Seite, kennen zu lernen. Aber das ist alles ganz "normal" und es ist nicht angezeigt, sich deswegen auch noch zu beunruhigen.

S. wurde am 1. Januar 19... geboren.

Getauft wurde er am 6. September 19... Und am 5. April 1993 wurde er konfirmiert. Anlässlich dieser Konfirmation erhielt er den Spruch aus Markus 5, 36 und der lautet: "Fürchte dich nicht, glaube nur!" Warum erzähle ich Ihnen das? Nun ich denke, es ist wichtig, sich klar zu machen, dass gerade auch im Leben von S. Gott selber seine Spuren hinterlassen hat, denn durch die Taufe und auch durch die Konfirmation hat Gott sich zu S. bekannt. Durch das Sakrament der Heiligen Taufe hat Gott angefangen, so etwas wie einen goldenen Faden in das Lebensgewand hineinzuweben. Es ist sein Versprechen, das auch in der Stunde des Todes Gültigkeit hat: Ich werde nicht von Deiner Seite weichen, auch wenn Du Kraft des freien Willens dich zu einem anderen Weg entscheidest. Wenn es denn stimmt, liebe Angehörigen, was wir vorhin in der Lesung aus Römer 8 gehört haben, nämlich, dass uns nichts und niemand von der Liebe Gottes trennen kann, dann gilt das auch für S. Wenn es denn stimmt - und es stimmt -, dass uns nichts und niemand trennen kann, dann können nicht einmal wir selbst uns trennen von der Liebe Gottes, und das ist gut so. Ich denke, das sollten wir niemals vergessen.

Wir haben nicht das Recht über einen anderen Menschen zu richten und wir haben auch nicht das Recht uns die Mäuler über andere zu zerreißen, ich wüsste auch nicht, wer uns dazu bevollmächtigt oder wer uns dazu eingesetzt hat. Wer Ohren hat zu hören, der höre auch dies, was ich gerade gesagt habe.

S. hatte viele Freunde und es ist an Ihnen, die Sie sich zu diesem Freundeskreis zählen, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren. Sie werden ihn noch oft vermissen und Sie werden es gut machen, wenn Sie behutsamer mit sich selbst und mit anderen Menschen umgehen lernen. Gerade in der Verbindlichkeit im Umgang mit einem anderen Menschen zeigt sich, wie sehr wir diesen Menschen lieb haben und wie sehr er uns am Herzen liegt. S. war - so haben Sie ihn mir geschildert - sensibel, er war stets hilfsbereit und das ohne darauf bedacht zu sein, dass er je eine Gegenleistung erhalten würde. Obwohl er hilfsbereit war, wusste er auch Grenzen zu ziehen und sich selber auch zu schützen. Für mich ein Zeichen von Reife und von Realitätssinn.

Man könnte nun diese Aufzählung fortsetzten und ich denke, dass können andere viel besser, als ich es vermag. Deutlich aber wird doch: S. war ein besonderer Mensch, er war und bleibt auch im Tod unverwechselbare Schöpfung Gottes. Und dieser Gott hat ihn weitaus besser gekannt, als jeder von uns. Und darum tun wir gut daran, Orientierung zu Gott zu bekommen, denn wer ist größer als Gott und wer ist mächtiger als er? Wir verstehen Gott nicht, das ist mir schon klar, aber ich denke nun, das alles, aber auch alles, bei ihm wohlbedacht und letzten Endes auch gut beschlossen ist. Selbst dann ist das der Fall, wenn Menschen sich entscheiden, den Freitod zu wählen.

Liebe Angehörige, werte Trauergemeinde, in der Gegenwart dieses Sarges spüren wir sehr wohl, dass die Trauer eine sehr deutliche Sprache spricht und diese Trauer hat nun seit einiger Zeit Einzug gehalten, bei Ihnen zu Hause. Es kommt alles darauf an, dass Sie diese Trauer zulassen, dass Sie nicht versuchen, die Trauer zu verdrängen, sondern sich - wir sagten es eingangs - sich mit dieser Trauer zu arrangieren, denn sie ist da und wenn man es richtig macht, kann man sogar an der Herausforderung der Trauer wachsen. Wir alle können von dieser Trauer lernen, an ihr reifen. Das ist schwierig, ich weiß es aus eigener Erfahrung, aber Ihnen wird die Kraft zuwachsen, dass Sie nicht nur mit diesem Verlust leben können, sondern Sie werden, wenn es gut geht, lernen, Ihr eigenes Leben neu zu schätzen.

Ja, die Trauer spricht eine deutliche Sprache, aber die Trauer hat nicht das letzte Wort. Denn wir wollen auf einen größeren Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief hören, nämlich das 13. Kapitel.

Der Herr segne dieses Wort an uns allen. Amen.

Liebe Trauergemeinde, es gibt Situationen, in denen wir aus eigenen Stücken nichts mehr denken oder sagen können, einfach deswegen, weil wir uns leer fühlen, weil uns die Worte fehlen und weil uns die Stimme versagt.

In solchen Situationen tun wir gut daran, dass wir uns Worte ausleihen, Worte die für uns wie ein Geländer sein können, an dem wir erst mal ein kleines Stückchen des Weges zurücklegen, der vor uns liegt. Und solch ein Geländer, dass uns zum Beispiel mit dem Bibeltext für diese Stunde gegeben ist, will jeden Tag aufs neue wahrgenommen und angefasst werden. Versuchen Sie doch bitte, sich auf diesen Text einzulassen, versuchen Sie es auch dann, wenn Sie es als Zumutung empfinden.

Denn ich meine nun, dass wir es mit einem facettenreichen Wort zu tun haben, einem Wort, aus dem heraus nicht nur der Apostel Paulus spricht, nein mehr noch ist es der Atem des Heiligen Geistes Gottes, der alleine uns dieses Wort aufschließen kann, damit wir dem Geheimnis, das diesem großen Wort innewohnt, auf die Spur kommen. Versuchen wir eine Deutung:

Man könnte nun durchaus hergehen und sagen: Die Botschaft hört sich auf dem ersten Blick so an: Auch wenn Du alles hast und auch wenn Du alles kannst und es fehlt Dir das Entscheidende, nämlich die Fähigkeit zu lieben, dann ist Alles gar nichts wert. Denn an der Liebe, die wir zu anderen Menschen, zu unseren Kindern, zu unseren Eltern und Freunden haben, wird gemessen werden, wer wir in Wahrheit sind. Die Liebe ist in dieser Welt weitgehend abhanden gekommen, ob im alltäglichen Leben oder auch in der Beziehung zum Glauben und zu Gott hat seit langer Zeit nicht die Liebe Einzug gehalten, sondern die Lieblosigkeit. Das Klima im zwischenmenschlichen Bereichen ist bestimmt von Kälte, von Nicht- verstehen- wollen oder vom Nicht-Verstehen- können. Und das soll nicht so sein, denn die Zeit, die wir in dieser Welt haben, ist doch recht kurz. Sollten wir die Zeit nicht auskosten und unserem Denken und Handeln von der Liebe bestimmen lassen?

Sehen Sie, liebe Angehörige, Sie stehen an einer wichtigen Schwelle. Und diese Schwelle ist von der Frage geprägt: Warum bloß musste das passieren?

Das kann jeder von uns gut nachempfinden. Und Ihnen ist nun gar nicht geholfen, wenn eilfertig Antworten gefunden werden, die denn doch keine sind, sondern in Wahrheit nur Annahmen oder Hypothesen. Und vielleicht sehen Sie mit einigem Abstand diese Fragestellung auch ganz anders, nämlich mit dem ganz anderen Fragewort, das da lautet: Wozu? Musste das alles geschehen? Sicher, auch auf diese Frage wissen wir momentan keine zureichende Antwort, aber sie werden sehen, dass sich nach einer mehr oder weniger langen Zeit der Ansatz einer Antwort herausstellen wird. Nur eines sollten Sie dabei bedenken: Sie alle, liebe Angehörigen, werden noch gebraucht. Sie werden als Zeugen gebraucht, damit andere Menschen an Ihnen ablesen oder von Ihnen gesagt bekommen: Die Liebe zu Gott und die Liebe zu anderen Menschen ist uns eine große Hilfe gewesen und das haben wir nicht aus uns selbst hervorgebracht, sondern Gott selber ist es, der uns täglich und reichlich mit seiner Liebe beschenkt. Wir haben diese Liebe nur weitergegeben.

Wie kann das aussehen?

Zunächst einmal sollten Sie dem Wort Zukunft einen neuen Stellenwert einräumen. Ihre Zukunft wird nun ohne S. stattfinden. Ihre Zukunft und auch unser aller Zukunft soll geprägt sein, dass wir mehr als sonst auf Gott setzten, dass wir endlich auch wieder anfangen, Gott und seine Gaben, die wir von ihm bekommen können, in unser Leben einzubeziehen. Man kann auch sagen: Dass wir endlich gläubig werden oder wenn Ihnen das besser passt: fromm werden, jeder nach dem Maß wie er es geschenkt bekommt.

Denn die Zeit, die uns bleibt, ist bemessen und wenn ich von Zukunft spreche, dann meine ich auch die Zeit, die wir bei Gott verbringen können.

Ich weiß, dass hört sich hochtrabend an, aber es ist im Vollzug einfacher als es sich man einer von uns vorstellen will oder vorstellen kann. Wir sollen, wir alle, Sie und ich, mit den Füßen fest in dieser Welt stehen, aber wir sollen wieder anfangen, mit Gott zu rechnen, denn dieser Gott ist in Jesus Christus in diese Welt gekommen, um zu zeigen, dass sein Herz für uns schlägt.

Es ist wohl so: Nicht alles wird zu unseren Lebzeiten gelöst, was uns als Rätsel und schwere Last aufgegeben wird. Aber dann, wenn wir unseren Lauf hier in dieser Welt vollendet haben, werden wir Gott schauen und es ist gut, zu wissen, dass sich Gott uns schon hier und jetzt zu erkennen geben wird.

Wir lassen S. heute los. Und wir tun das im Vertrauen auf den, der das letzte Wort über einen jeden von uns sprechen wird. Sein sind wir im Leben und im Sterben und erst recht im Tod.

S. ist bei Gott in guten Händen. Amen.