Foto von aufgeschlagenen Büchern

Trauerpredigt über Lukas 24,13-35

Pfarrer Thomas Becker

09.04.2004 in der St. Josef-Kirche Oberhausen

Liebe Familie XY, liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde,
liebe Schwestern und Brüder,

wenn wir jemanden treffen, und der uns fragt: „Na, wie geht’s?“, so werden wir höflich antworten: „Danke, gut!“ Etwas anderes will derjenige auch gar nicht hören. Würden wir damit beginnen, ihm zu erzählen, wie es uns wirklich geht, wäre er überfordert. Er hat eben nur höflich fragen wollen, und wir haben ebenso geantwortet, wie es sich gehört.

Ein anderer stellt uns vielleicht dieselbe Frage, und wir spüren diesmal ehrliches Interesse dahinter. Aber wir haben den Eindruck, dass er einfach nur neugierig ist und auch den vertraulichen Inhalt weitererzählen würde.

Wieder ein anderer stellt uns diese Frage, kann aber kaum unsere Antwort abwarten, um dann von seinen eigenen Sorgen oder auch Leistungen zu berichten. Und dann gibt es noch die Menschen die gar nicht mehr richtig zuhören können, sondern für alles sofort einen Menge Tipps und Ratschläge haben.
All diese Begegnungen helfen überhaupt nicht weiter, weil alles oberflächlich und damit im Grunde unverändert bleibt.

Von einer Begegnung ganz anderer Art haben wir gerade im Evangelium gehört. Es war ihr Wunsch, liebe Familie XY, diesen Text zur Grundlage meiner Ansprache zu machen, und ich bin dieser Bitte gerne nachgekommen, weil ich bei unserem intensiven Gespräch am Samstag gespürt habe, dass auch viel von der Persönlichkeit Ihrer Mutter und Großmutter darin enthalten ist. Anhand dieser Schriftstelle möchte ich versuchen, schlaglichtartig einiges von dem aufzugreifen, was ich von Ihnen über die Verstorbene gehört habe.

Zwei Jünger sind auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Hinter ihnen liegt der Karfreitag, an dem sie alle ihre Hoffnungen begraben mussten. Vor ihnen liegt Emmaus, das damals der Standort einer römischen Garnison und so ein Symbol für Unterdrückung und Ausbeutung war. Noch hoffnungsloser könnte ein Ziel nicht sein. Die beiden reden zwar miteinander, aber sie finden keinen Ausweg und keine Lösung für ihre Probleme. Aber da mischt sich der Fremde ein und fragt: „Über was redet ihr da, was bewegt euch so?“ Und die beiden dürfen erzählen, was sie bewegt. Da ist ehrliches Interesse zu spüren, kein Gedanke an die Diskussion eigener Probleme oder das Angebot vorschneller Lösungen. Und der Fremde hört ihnen zu.
Sie dürfen ihre ganze Not aussprechen, ihre enttäuschten Hoffnungen und ihre tiefe Verzweiflung herauslassen, Er nimmt sich viel Zeit für sie. Erst nachdem sie alles aussprechen konnten, redet der Fremde.

Und so war auch unsere liebe Verstorbene: Auch sei musste mehrmals Abschied nehmen von Menschen, die ihr nahe standen. Aber niemals hat sie deswegen geklagt oder mit ihrem Schicksal gehadert. Im Gegenteil: Sie war ein wirklicher Familienmensch, eine Mutter im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatte immer Zeit für die ihr anvertrauten Menschen, Ihre Bescheidenheit und ihre Zurückhaltung waren es, die ihre Nähe für ihre Mitmenschen so wohltuend machte. Sie war der Mittelpunkt der Familie und dann am glücklichsten, wenn sich die ihr nahe stehenden um sie versammelt hatten.

Die Jünger damals wollten diesen merkwürdigen Fremden, der ihre Unterhaltung so eindrucksvoll bereichert hat, am liebsten festhalten. Das ist deswegen leicht verständlich, weil die Straßen damals unsicher waren, und es gefährlich werden konnte, wenn man sich nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb von Siedlungen aufhielt. Sie drängen ihn, bei ihnen zu bleiben und mit ihnen zu essen. Vielleicht spüren sei auch, dass ihnen nicht einfach irgendein Schriftkundiger begegnet ist, der einfach nur das zusammengefasst hat, worauf sie auch selber noch gekommen wären, sondern dass er die entscheidende Antwort auf alle ihre Probleme haben würde. Und es geschieht das Unerwartete: Was sie auch dem Weg miteinander besprochen haben, vom dem „ihr Herz brannte“, wie es heißt, das wir zeichenhaft greifbar und sichtbar im Brechen des Brotes.

Auch unsere liebe Verstorbene hatte diese Fähigkeit. Auch sie konnte den ihr anvertrauten Menschen „das Herz brennen“ lassen; auch sie konnte andere Menschen für etwas begeistern; auch bei ihr konnte man sich ausweinen und sich fallen lasen; und das sind in der Tat Dinge, die bleiben werden, wie ein reicher Schatz, der ihnen geschenkt worden ist. Sie hat Sie verlassen, und Sie konnten sie nicht festhalten, das ist wahr, aber diese Erinnerungen sind es, die ihnen helfen können, den Schmerz über diesen großen Verlust auszuhalten, indem sie davon einander weitergeben.

Liebe Angehörige,
auch die beiden Jünger sind durch den Tod Jesu am Kreuz in tiefe Hoffnungslosigkeit gestürzt worden. Dann aber ist er selber ihnen begegnet. Er hat sie begleitet. Sie durften von ihrer Not erzählen, und er hat ihnen durch seine Gegenwart wieder Ermutigungen und Perspektive vermittelt. Ich wünsche Ihnen in den nächsten Tagen und Wochen viele solcher Begegnungen und Begleiter, und ich hoffe darauf, dass viele von Ihnen solche Begleiter für andere sein können.
Dann werden auch sie vielleicht spüren, dass der Tod in unserem Leben nicht das letzte Wort hat und auch niemals haben wird. Genau das aber ist der Kern der österlichen Botschaft und die Mitte der Geschichte von diesen zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus.

Amen.