Foto von aufgeschlagenen Büchern

Unerhört, dieses Leben - Predigt über Lukas 2, 1-14

Andrè Flimm (ev), 23 Jahre

11.12.2014 in der Universitätskirche in Marburg

homiletisches Seminar der theologischen Fakultät

Ein                                      Schrei.
Ein einzelner, entsetzlicher Schrei.

Alles durchdringend.

Bis jetzt klingend.

Geht hinaus ins Dunkel des Abends.

 

Einige Meter weiter: buntes Treiben, eine laute Menge.

Das anstehende Weihnachtsfest überspült die Straße mit einer undurchsichtigen, unüberblickbaren und scheinbar orientierungslosen Masse.

Ihr könnt euer eigenes Wort nicht verstehen.

Den Blick immer auf die Werbung gerichtet, die uns sagt, dass es zu Weihnachten besser ist, eine Playstation zu kaufen, als mit etwas Aufwand ein Modellschiff zu bauen.

Es ist besser.

Es ist bequem.

Und es ist so einfach.

 

Erneut: ein Schrei.

Sanfter diesmal, fast ein Lachen.

Heitere Fröhlichkeit.

Die alles mitreißt.

Wenn sie jemand hören würde.

Bis sie verstummt in der Tiefe der Nacht.

 

Das Meer durcheinandergehender Stimmen in der Wuchtigkeit der überfüllten Einkaufsstraße macht es unmöglich, den Schrei oder das Lachen zu vernehmen.

Es rennt an gegen eine Wand aus Stimmen im Gewusel der Massen.

Verloren.

Ungesehen.

Und verstummt.

 

War da nicht eben was?

Wir gehen weiter, den Kopf immer in der Höhe.

Hätten wir doch unseren Blick nur einmal gesenkt.

Nur einmal nach unten geschaut.

Vielleicht hätten wir dann das kleine Baby in der dunklen Gasse wahrgenommen.

 

Dort liegt es.

Mal schreiend.

Mal lachend.

Und wartet darauf, gehört zu werden.

 

Im Schrei eines Kindes liegt das Leid der ganzen Welt.

Es schreit alles Leid aus sich heraus.

Wie oft sind wir genervt von Kinderschreien?

In der Bahn.

Im Bus.

Selbst und vor allem in einem Gottesdienst an Heiligabend.

Wollen weghören.

Doch es schreit.

Will auf sich aufmerksam machen.

Auf den Schmerz.

Auf seine Brüchigkeit.

Seine Hilflosigkeit.

Gerade am Heiligen Abend wird der Schrei des Kindes dort besonders laut, wo es an diesem Tag ganz still ist, nicht etwa da, wo fröhliches Treiben herrscht.

Nein.

Sondern gerade bei denen, die stumm schreien.

Die allein sind an einem Tag, an dem niemand allein sein sollte.

Die verzweifelt sind an einem Tag, an dem die Engel „große Freude“ verkündigen.

All die Kranken und Verletzten, die niemanden haben, der sie besucht.

All sie blicken stumm schreiend in die Welt, hoffend, dass irgendjemand sie hören mag.

Sich ihrer annimmt.

Mit all jenen schreit das Kind.

Ihre Tränen sind seine Tränen.

Ihr Leid sein Leid.

Und sie alle sind doch Menschen!

Menschen Seines Wohlgefallens!

 

All das vergessen wir, wenn wir uns einmal mehr darüber ärgern, dass wir letztes Jahr mehr Geschenke hatten.

Wenn wir uns mal wieder streiten, weil die Feiertagsplanung nicht so umgesetzt wurde wie gedacht.

 

Und irgendwo in einer Ecke,

zusammengekauert.

Klein.

Uns guten Menschen unwürdig.

Liegt ein Kind.

Weinend.

Unerhört.

Wir fürchten uns davor, den Schrei zu hören.

Genau hinzuhören.

Uns von ihm einnehmen zu lassen.

Wir fürchten uns vor der Unsicherheit, die mit dem Hören einhergeht.

Schließlich reißt es uns aus unserem bequemen Leben, zwingt uns zum Handeln.

 

Und nun stell dir vor: du bist inmitten der Menge der Einkaufsstraße, hast vielleicht eben etwas gespürt, eine Präsenz, ein Säuseln des Windes wahrgenommen. Natürlich hast du dem keine weitere Beachtung geschenkt.

 

Und in dieser Situation kommt jemand völlig Fremdes auf dich zu und sagt: „Dir ist heute der Heiland geboren!“

Bitte was?

Wie fühlst du dich in einem solchen Moment?

Wie reagierst du?

Der Fremde sagt ja nicht: Ein Retter ist geboren.

Da könnte ich mich ja noch sehr leicht herausreden: „Schön für den Retter, aber was hat das bitte mit mir zu tun?“

Nein, hier verhält es sich anders: „Dein Retter ist geboren. Dein persönlicher Retter!“

Hier muss ich reagieren, bin direkt angesprochen.

Komisch ist es.

Verstörend.

Und während du so darüber nachdenkst, wie denn so ein Retter aussehen könnte, vielleicht ein griechischer muskelbepackter Gott?

ein Held wie Superman?

ein Zauberer wie Harry Potter?

und du dich immer noch fragst, warum du überhaupt gerettet werden musst, führt dich der Fremde in eine dunkle Gasse.

Was soll das denn jetzt?

Furcht überkommt dich.

Was hat der denn vor?

Ein Schauer läuft dir eiskalt den Rücken runter.

„Ich dachte, er wollte mir meinen ominösen Retter zeigen?“

 

Stattdessen führt dich der Fremde vor ein Knäuel Zeitungspapier.

Du hebst es auf.

Es hat Arme.

Und Beine.

Und sabbert,

Ein Baby.

Ein Baby?!

Soll das jetzt mein Retter sein?

Das ist doch alles sehr verstörend.

Wie soll ein sabberndes Baby mit vollen Windeln mein Retter sein?

Das kann sich ja noch nicht einmal selbst helfen!

Und soll jetzt einen Erwachsenen retten?

Ein Baby soll der Retter eines Erwachsenen sein?

So ein Quatsch.

Das ist doch kaum zu glauben.

 

Das Baby blickt dich mit seinen großen Kulleraugen an

Betätschelt deine Nase

Und zieht mit seinen kleinen Fingerchen an deinen Haaren.

Du bist genervt.

„Was soll denn das alles?

Das ist doch alles Zeitverschwendung.

Was bringt denn das?

In der Zwischenzeit hätte ich schon längst alle Geschenke kaufen können.

Nächstes Jahr werde ich die im Internet bestellen.

Das ist ohnehin einfacher.

Und jetzt steh ich hier.

Bin so einem Verrückten gefolgt.

Der mir meinen Retter zeigen wollte.

Schwachsinn.“

Es ist kalt.

Und dunkel.

 

 

Und dann.

Aus heiterem Himmel, ohne Grund und völlig ohne Vorwarnung beginnt das Kind zu lachen.

Es lacht.

Nicht mehr.

Sein Lachen erfüllt die ganze Nacht.

In seinem Echo klingt es wie ein Schrei.

Aber es lacht.

Und du?

Du kannst nicht anders.

Du lachst herzhaft mit.

Lauthals stimmst du mit ein.

Verstörte Blicke werden auf dich geworfen, doch das kümmert dich nicht.

Du lachst.

Lachst, als ob es kein Morgen gäbe.

Vergisst alles.

Bist

erlöst.

Im Lachen eines Kindes liegt die Freude der ganzen Welt.

 

Und Ihr merkt, dass das, was euch eben hat aufhorchen lassen, was ihr eben gespürt habt, eben dieses Kind ist, das nur beachtet werden wollte.

Das, was eben noch genervt hat, ist nun zur Quelle der Freude geworden.

Das Kleine.

Das Anstrengende.

Das Lästige.

 

 

Das Schreien und das Lachen eines Kindes.

Beides unendlich.

In beidem spiegelt sich die Welt.

Der Schrei steigert sich bis zum Schrei am Kreuz.

Das Lachen verdichtet sich zum Geschenk der Gnade.

 

Beides durchdringt den Alltag.

Es fordert uns unerlässlich auf, es zu hören.

Immer werden wir konfrontiert mit diesem unerhörten Leben,

das uns zum Hinhören zwingt.

Unser Leben an sich reißen will.

Gewaltvoll.

Unnachgiebig.

Absolut.

Es ordnet das Leben ganz neu.

Alles konzentriert sich auf das Kind.

Last und Freude zugleich.

Unbequem.

Mit Entbehrungen verbunden.

Und doch lässt es uns teilhaben an seiner Entdeckung der Welt.

Und so entdecken wir die Welt ganz neu.

 

Die Erinnerung an dieses Kind lässt uns auf das Kleine achten.

Auf die Rose, die aus einer zarten Wurzel erwächst.

Auf den Tanz der Schmetterlinge.

Auf das Säuseln des Winds, der die Samen einer Pusteblume in der ganzen Welt verteilt.

Das Selbstverständliche wird ganz neu. 

Das Kind erinnert uns an diese scheinbar kleinen Dinge.

Es nimmt uns mit in seine Welt.

Eine Welt, die es mit seiner Kälte und Gewalt stets zum Weinen bringt.

Aber auch eine Welt, die es mit seiner Schönheit und Anmut stets zum Lachen bringt.

Weinen und Lachen sind Zwillinge.

Es zieht uns mit in sein alles umspannendes Weinen.

Lässt uns teilhaben an seiner unendlichen Freude.

 

Es will uns unterbrechen.

Aufrütteln.

Einnehmen.

 

Doch wie oft lassen wir das zu?

Wann achten wir in unserer Hektik noch auf das Selbstverständliche?

Wie oft lassen wir unsere Welt vom Kleinen verzaubern?

Wie oft gehen wir auf die Schreie des Kindes ein?

 

Die Rose wird zertrampelt.

Schmetterlinge verjagt.

Das Säuseln des Winds gar nicht erst wahrgenommen.

Wie oft schauen wir weg, weil wir es nicht ertragen können, unser Leben unterbrechen zu lassen?

Es ist schwer mitzuweinen.

Es ist anstrengend mitzufühlen.

 

So liegt dieses Kind dort.

Und fordert uns auf, all unsere Kraft zu sammeln.

Uns in die Unsicherheit zu wagen.

Unsere Bequemlichkeit aufzugeben.

Die Angst davor zu überwinden.

Angst, die wir alle haben.

Und zu leben.

Zu Leben im Leid.

Und zu Leben in der Freude.

 

Die Rose ist entsprungen aus einer zarten Wurzel.

Sie ist da.

Wir müssen nur unseren Blick nach unten richten.

Und hinsehen.

 

Amen.