Foto von aufgeschlagenen Büchern

Usinger Predigt „Vom Erben“

Gisela Brackert


„Vom Erben

Liebe Gemeinde,
Bin ich froh, dass meine Familie nicht reich ist.

Wäre sie es, hätte ich vielleicht gar keine Familie mehr.
Denn was sich in manchen Familien abspielt, wenn der Erbfall eintritt und ein Letzter Wille sich mit den Erwartungen und begründeten Hoffnungen der Erben nicht deckt, ist unbeschreiblich. Rechtsstreit folgt auf Rechtsstreit und egal wie die Sache ausgeht: der Familienzusammenhang ist meist auf immer zerstört.

Bin ich froh, das meine Familie nicht reich ist!

Bei uns gab es ein nur ein paar Biedermeiermöbel zu teilen, und die Mutter hatte sich in ihrem Vermächtnis dazu schon die nötigen Gedanken gemacht. Was passt zu wem? Wer würde an was die meiste Freude haben? Und niemand von uns kam auf die Idee, den Wert dieser Möbel vom Fachmann ermitteln zu lassen, um dann am Ende zu sagen: Der Biedermeiersekretär ist aber viel mehr wert als der kleine Nähtisch, das muss ausgeglichen werden. Nein, für alle waren dieses Erbstücke vor allem Erinnerung an ein Eltern- und Großelternhaus, das uns wichtigere Dinge mitgegeben hatte als Geld und Gut.

Die Aussicht auf ein nicht unbeträchtliches Erbe, sei es als Immobilie oder als Geldvermögen, ist für viele Angehörige der jungen Generation heute fester Bestandteil ihrer Lebensplanung. Da leben Studenten bereits in Eigentumswohnungen, junge Familien gleich im eigenen Haus, da kann man sich Zeit nehmen für den Berufseinstieg, in unbezahlten Praktika wertvolle Erfahrungen sammeln oder sich eine Weltreise gönnen. Das Erbe machts möglich. Es ist ein Vermögenstransfer wie es ihn in dieser Größenordnung in Deutschland noch nicht gegeben hat. 50 Jahre Frieden, Aufbauleistung und Sparsamkeit der Älteren sind seine Wurzeln.

Allein in diesem Jahrzehnt sind es zwei Billionen Euro, die an 15 Millionen Haushalte weitergereicht werden. Mit allen dazugehörenden Konflikten und der unbezweifelbaren Folge, dass sich die Spaltung der Gesellschaft in Besitzende und Besitzlose weiter vertiefen wird, denn schließlich geht ein Viertel dieses gigantischen Betrags an nur 2 % der Haushalte. 7 % erben mehr als 150.000 €, bei den meisten liegen die Beträge zwischen 25.000 und 150.000, jeder zehnte hingegen hat gar nichts zu vererben, allenfalls Schulden.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 13.3.2004 „Das Billionenspiel“ .Autor: Ulrich Schäfer).

Doch nur auf den Wirtschaftsseiten der großen Zeitungen hat das Thema Konjunktur.
„Wie die Geliebte zur Haupterbin wird“ titelte kürzlich ein seriöses Blatt
und verriet, wie mit fachkundigem Beistand und ein bisschen Beweglichkeit was den Wohnsitz anbetrifft, die gesetzliche Erbfolge, die Ehefrau und Kinder an die erste Stelle rückt, ausgehebelt werden kann.

Wenn es sich dabei um große Namen handelt, macht so etwas manchmal Schlagzeilen in der Boulevard Presse. Sonst aber wird man zum Thema Erben am ehesten in Fachblättern für Steuerberater, Rechtsanwälte und Notare fündig. Denn vielfältig sind die Wege, dem Staat den Zugriff auf das Erbe zu entziehen - und mehr als ein Drittel aller Erbfälle landet irgendwann vor Gericht.

Woher kommt das?
Erbstreitigkeiten sind materialisierte Beziehungskonflikte. Da können Familiengeheimnisse plötzlich offenbar werden, deren Klärung man zu Lebzeiten ausgewichen ist. Da geht es um Rangordnungen, um Distanz und um Nähe. Da werden Abhängigkeit und Altersverwirrtheit zu einseitiger Einflussnahme auf den sogenannten Letzten Willen ausgenutzt. Testamentsfälschungen sind keine Seltenheit.
Was ursprünglich der Sicherung des Fortbestands der Familie dienen sollte, entwickelt so nicht selten eine paradoxe, eine familienspaltende Sprengkraft.

Darum, und nicht nur weil man der eigenen Endlichkeit ins Auge blickt, fällt es den meisten Menschen so schwer, ein Testament abzufassen. Über den Verlauf ihres Begräbnisses machen sich die Leute jedenfalls mehr Gedanken als über die materiellen Folgen ihres Hinscheidens. 70%, von uns sterben ohne ein ordentliches Testament zu hinterlassen. Das Thema Erben und Vererben gehört zu den Dingen, über die man nicht spricht.

Im Alten Testament ist Erben noch ein großes Thema. Von Jesus hingegen wird berichtet, dass er einen Bittsteller unwirsch beiseite schob, als der ihn bat, einen Erbstreit mit seinem Bruder zu schlichten. Sollten die beiden zusehen, wie sie klar kamen.(Lukas 12, 13-15). Nur einen Rat gab er ihnen mit: „Hütet Euch vor der Habgier, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Luk. 13,15)

War Jesus gleichgültig gegenüber Fragen der materiellen Gerechtigkeit?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber sie durchzusetzen, war nicht seine primäre Mission.
Er hatte einen anderen Auftrag und wusste, dass Leben in Geld nicht aufgeht und sich Gerechtigkeit nicht nur in Zahlen schreibt.

Ich erinnere mich an eine Frau in Bad Homburg, die genau das versucht hat.

Als Ehefrau und Mutter von drei Kindern hat sie über 50 Jahre lang gewissenhaft ein Haushaltsbuch geführt, ganz so wie es die Ehe-Ratgeber in ihrer Jugend empfohlen hatten.

Sie wollte Rechenschaft abgeben können, wo das Haushaltsgeld geblieben ist und unverständlich ist ihr die Praxis vieler junger Frauen, die sich im Supermarkt den Einkaufswagen voll laden und nachher noch nicht einmal den Kassenzettel mitnehmen.

Unsere Musterhausfrau hingegen sammelt von jedem Einkauf, jedem Kinobesuch, jedem Ausflug sorgsam die Belege und trägt die Ausgaben dann in große Hefte ein, die unterteilt sind in Rubriken wie „Textilien, Pflegemittel, Elektrizität, Gas und Wasser, Krankheitskosten, Körperpflege, Freizeit, Sport und Kultur..

Seit mehr als 50 Jahren tut sie das - und ich bin sicher: jedes Historische Museum würde diese Haushaltsbücher dankbar in Empfang nehmen.
An ihnen wird ablesbar, wie sich das verarmte Nachkriegsdeutschland Schritt für Schritt zu einem der wohlhabendsten Länder der Erde entwickelte. Der private Konsum spiegelt das.
Ich hoffe also, die Erben wissen, was sie da für einen Schatz in der Küchenschublade haben.

Aber gerade mit dem Vererben tut die alte Frau sich nun schwer.
Denn wenn sie die Zahlen durchforstet, muss sie feststellen, dass die Kinder vom Familieneinkommen in ganz unterschiedlicher Weise profitiert haben.
Für die Tochter gab es z.B. immer mehr Ausgaben für Mode und Kosmetik als für die Söhne. Aber schlimmer noch: der eine Sohn hat sein Studium durch Jobs selbst finanziert und nach dem Examen gleich eine gute Anstellung gefunden. Der andere hingegen, dem die Ausbildung voll bezahlt wurde, fand zunächst keinen Arbeitsplatz und blieb noch lange im Elternhaus. Natürlich hat er da Kosten verursacht, die die anderen Kinder nicht verursacht haben - unsere Buchhalterin kann das ja lückenlos belegen.

Muss darum ihm, dem weniger vom Glück begünstigten, vielleicht auch weniger leistungsfähigen, das Erbe gekürzt werden?
Die Buchhalterin in ihr sagt: Ja
Die Mutter in ihr sagt: Nein.
Der Konflikt zerreißt sie schier.

Gerechtigkeit geht in Zahlen allein nicht auf. So wenig wie der Mensch in dem aufgeht, was sich von ihm in Zahlen ausdrücken lässt.
Jesus hat das in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg deutlich gemacht.

Es steht bei Matthäus und schließt ein Gespräch mit den Jüngern ab, in dem es letztlich auch ums Erben geht.

Die Jünger wollen nämlich wissen, was sie davon haben, dass sie - anders als zum Beispiel der reiche Jüngling, der den Schritt in die Jesus-Nachfolge nicht tun konnte, - ihren bisherigen Lebenszusammenhang aufgaben, um mit Jesus zusammen zu sein. Petrus formuliert es ganz unverblümt: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns dafür gegeben?“

Du wirst neben mir sitzen in jener anderen Welt, antwortet Jesus sinngemäß, „denn wer mir nachfolgt, der wird das ewige Leben erben.“(Mtth. 19,29)
Aber, fügt er warnend hinzu, „viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten und die Letzen werden die Ersten sein.“

Da ist er, dieser rätselhafte Satz, der alle, die nach Eindeutigkeit und Gewissheit streben, auf schwankenden Boden stellt. Auch die Jünger.
Und dann folgt zur Erläuterung ein Gleichnis, in dem Jesus das Himmelreich mit einem Gutsherrn vergleicht, der Arbeiter für seinen Weinberg sucht.

Dieser Gutsherr geht stündlich auf den Markt und macht Arbeitssuchenden ein Angebot. Den ganzen Tag über stellt er Leute ein. Früh am Morgen die ersten, eine Stunde vor Dunkelheit die Letzten. Doch als es ans Bezahlen geht, erhalten alle den gleichen Lohn: jene Silbermünze, die ihnen versprochen war. Die zuerst Eingestellten protestieren dagegen. Haben sie nicht wesentlich mehr gearbeitet? Doch dann wir ihnen vom Gutsherrn klar gemacht, dass auf diesem Weinberg andere Gesetze gelten als sonst in der Welt. Belohnt wird nicht die Leistung sondern die Tatsache, dem Aufruf gefolgt zu sein und den Dienst aufgenommen zu haben. Eine Hierarchie der Ansprüche gibt es nicht. So können die Ersten die Letzten und die Letzen die Ersten werden. Doch niemand geht leer aus.

Man kann das arrogant nennen oder autoritär, man kann eine Widerspiegelung der rechtlosen Situation jüdischer Wanderarbeiter darin sehen und den Gutsherren allenfalls wohltätig nennen.

Man kann aber auch erleichtert sein, dass bei Gott, den wir in dem Gutsherrn gleichnishaft sehen wollen, nicht nach Stundensätzen abgerechnet wird. Auch nicht nach Stundensätzen der Nachfolge. Es ist die Buchführung großzügiger Liebe, die Jesus in dieses Gleichnis fasst - und das ist eine andere Rechenart als die buchhalterische Genauigkeit.

Sie ist kein Vorrecht Gottes sondern in Zweifelsfällen zur Nachahmung empfohlen.

Nun werden Sie vielleicht sagen: was sollen mir diese Erörterungen zum Thema „erben“!
Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, denen ein Geldsegen die späten Jahre vergoldet und auch nicht zu den Jungen, die sich ins Gemachte Nest setzen können. Ich muss mir alles selbst erarbeiten und ich werde das meiste davon auch selbst verbrauchen.

Kein Erbe also? Nirgends? Das kann nicht sein.

Wir alle sind Erben. Glieder einer langen Menschen-Kette, die unsere Kultur schuf, die Grundlagen der Wissenschaft und aller Erfindungen legte, die Spielregeln des Zusammenlebens von Menschen weiterentwickelte.

Schauen Sie sich um in ihrer Stadt. Diese Fachwerkhäuser, diese Kirche, die mit ihrem restaurierten Turm nun wieder weit ins Land strahlt: Ein Erbe. Durchforsten Sie Ihren Bücherschrank, Ihre CD-Sammlung, gehen Sie ins Museum...Welch ein Reichtum. Welch ein Erbe. Von Bach bis Britten, Von Dürer bis Picasso. Von Goethe bis Grass. Vom Städel bis zur Zeche Zollverein. Allein schon der jährliche Wettbewerb um die Auszeichnung „Kulturhauptstadt Europas“ macht deutlich:
Fast alles, worauf wir stolz sind, haben wir geerbt.

Fast alles, was uns Kummer macht, aber auch.
Das Dritte Reich zum Beispiel ist eine Erblast, der wir als Deutsche nicht entrinnen können. Tschernobyl wird noch Generationen von Menschen ein unbewältigtes bitteres Erbe sein.

Auch als physische Wesen kommen wir einem bestimmten Erbgut zur Welt.
Der Korridor, innerhalb dessen wir uns frei entwickeln können, ist schmal.
Aber er reicht aus als Herausforderung für ein Leben.
Und eins ist gewiss: Da, wo es existentiell wird, leben wir alle vom Erbe, auch wenn kein Testament uns je zum Millionär gemacht hat.

Wir sind Erben auch was unseren Glauben anbetrifft.
Wir spüren das, wenn wir die alten Kirchenlieder singen und ihre Glaubensgewissheit unseren Zweifel überstrahlt.
Wir sind Erben im Beten und Bitten, Erben auch in der Zuversicht dass der Glaube, der unsere Väter und Mütter getragen hat, auch in uns seine Kraft entfalten kann und uns hilft zu leben.

Die vielleicht schwierigste Verpflichtung, die sich uns dabei stellt, ist die, den religiösen Erzählfaden, der von Generation zu Generation weitergesponnen wurde, heute, im Zeitalter der sich auflösenden Familienverbände, nicht gänzlich abreißen zu lassen.

So wie sich uns als Erben der französischen Revolution und der parlamentarischen Demokratie, auch immer wieder die Aufgabe stellt, das Verhältnis von Staat und Individuum, Eigentum und Sozialverpflichtung in Balance zu halten und neu auszuloten.

Erbe, das wird an diesen Beispielen klar, ist nämlich nicht einfach ein Geschenk, das man dankbar in die Tasche stecken und nach Belieben für sich verbrauchen kann.
Erbe geht einher mit Verpflichtung. Mit der Erwartung, sich des Erbes würdig zu erweisen, es sinnvoll und zukunftsweisend zu nutzen.
Von daher kann Erbe auch etwas Erdrückendes, Lähmendes haben -
Tom Koenigs, Weggefährte Joschka Fischers und heute im Dienst der Vereinten Nationen, muss so etwas befürchtet haben, als er, noch als Student, sein nicht unbeträchtliches Erbe weitergab an die politischen Freiheitskämpfer in der Dritten Welt. Er hat es auch ohne das elterliche Vermögen zu Ansehen und Einfluss in der Welt gebracht. Weil er das Erbe im Kopf zu nutzen wusste.

Erbe ringsum: für mich und für Sie, für Alle, die bereit sind es anzunehmen..

Und weil das so ist, kann ich dem Geldsegen, der da auf glückliche Erbinnen und Erben niedergeht, in der Regel ganz gelassen zusehen. Ich bin auch so zurecht gekommen und glaube, dass mir das gut getan hat.

Von einer Hoffnung aber will ich nicht lassen: Dass mir dereinst das Erbe zuteil werde, was im Neuen Testament den Kindern Gottes zugesagt ist.

„Miterben Jesu Christi“ sollen wir werden - ein großes, ein lebensveränderndes Versprechen. Denn Christi Erbe ist das Himmelreich - und mit dieser Aussicht gelingt es mir ganz gut, die materiellen Güter in ihrer Relativität zu sehen.

Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Unser letzter Gedanke aber könnte die Freude auf dieses Erbe sein.
Wir werden nicht leer ausgehen. Denn wir sind die Geliebten Gottes.

Amen

(Oder um es mit den Worten des Römerbriefs zu sagen:
„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder...
Sind wir aber Kinder, so wir auch Erben. Nämlich Gottes Erben und Miterben Jesu Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“ Römer 8, 14 und 17)