Foto von aufgeschlagenen Büchern

Vom tieferen Sinn der Weihnachtsgurke

Pfarrer Jürgen Dolling (ev.-luth.)

24.12.2011 in Würzburg St. Stephan

Christvesper am Heiligen Abend 2011

Liebe Gemeinde,
haben Sie eigentlich schon Ihre Weihnachts-Gurke?
Wenn Sie diesen schönen Brauch noch nicht kennen, dann ist das keine Bildungslücke. Mir war die Weihnachts-Gurke auch völlig unbekannt. Vor ein paar Wochen aber, im Schulunterricht in der Philipp-Melanchthon-Schule, sprachen wir über Rituale in der Advents- und Weihnachtszeit, und eine Schülerin sagte: „Bei uns gibt’s immer die Weihnachts-Gurke“! Daraufhin begab ich mich auf die Suche, was das denn sein könnte: die Weihnachts-Gurke.

Bei meiner Internet-Recherche stieß ich zunächst auf eine Quizsendung mit Jörg Pilawa. Dort wurde die Frage gestellt, was sich die Deutschen nach Meinung der Amerikaner in ihren Weihnachtsbaum hängen. Zwei der Kandidaten tippten auf die Antwort „Brezel“ – und das ist sicher naheliegender als die Wurst und die Gurke, die auch noch zur Wahl standen. Aber des Rätsels Lösung war eben doch die Weihnachtsgurke, die die Deutschen nach amerikanischer Meinung erfunden haben. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber trotzdem haben die Amerikaner ihre Gurke ausgesprochen gern. Und sie erzählen sich diese beiden Legenden dazu:

Im amerikanischen Bürgerkrieg saß ein deutschstämmiger Amerikaner im Gefängnis und wurde sehr krank. Da bat er um eine letzte saure Gurke vor seinem Tod. Der Wärter tat ihm aus Mitleid diesen Gefallen und rettete ihm durch die Gurke angeblich das Leben, weil sie dem Häftling „Kraft“ und „Hoffnung“ gab.

Und auch dieses mittelalterliche Märchen erzählt man sich:
Zwei spanische Jungen waren von ihrem Internat auf dem Weg nach Hause. Sie rasteten in einer Herberge, die von einem bösen Mann geleitet wurde. Der stahl ihnen ihre gesamte Habe und steckte die beiden in ein Gurkenfass. Am gleichen Abend kehrte aber auch der Heilige Nikolaus in diese Herberge ein und bemerkte die beiden Jungen in dem Fass. Er klopfte darauf und befreite sie.

Seitdem – so die Legende - pflegt man in Amerika den Brauch, an Weihnachten eine grüne Gurke in den Weihnachtsbaum zu hängen, um die Rettung der Jungen zu feiern. Wer die Gurke als erster entdeckt, soll besonderes Glück haben, Kindern schenkt man ein zusätzliches Weihnachtsgeschenk.
Seit ein paar Jahren schwappt nun dieser Brauch auch nach Europa über, sehr zur Freude der Firma Hengstenberg und thüringischer Glasbläser.

Aber so ein neumodischer Brauch muss ja nicht unbedingt kitschig oder trivial sein. Ich glaube, er kann auch einen eigenen, guten Sinn haben, der uns mitten in die Weihnachtsbotschaft hineinführt.

Gurken haben bei uns oft einen abwertenden Klang: „Das ist ja eine Gurke…“ sagt man über krumme Nasen, langsame Autos und anderes, was man nicht mag. Gurken sind krumm und gewöhnlich. Aber wenn das einen Platz an unserem Festbaum bekäme, wenn gerade dort Raum wäre für das Gewöhnliche und Unbeliebte, dann wären wir ganz nah dran an der Weihnachtsbotschaft. Und das haben wir ja auch gerade im Evangelium gehört: Einfache Hirten kommen in einen zugigen Stall. Man hätte das normalerweise kaum beachtet. Es war wirklich nichts Außergewöhnliches. Aber in dieser Nacht geschah das Heilige, als Gott zur Welt kam, ganz natürlich, als Mensch, in einfachen und gewöhnlichen Verhältnissen. Ich glaube, es tut uns gut, wenn wir uns daran erinnern, an die Normalität und Menschlichkeit Gottes. Und es tut uns gut, wenn gerade heute Abend unser ganz normales Leben einen Abglanz bekommt von Gottes Liebe. Es tut uns gut, wenn wir in mancher Not und Beschwerlichkeit in unserem Leben die Kraft Gottes spüren. Es tut uns gut, wenn wir in mancher Einsamkeit die Nähe Gottes erfahren. Denn dann wird es wirklich Weihnachten. Nicht in besonderen Stimmungen, nicht in besonderen Erwartungen, nicht in Dingen, die wir Menschen sowieso nicht machen können. Sondern durch die Gnade Gottes, die wir geschenkt bekommen. Und das ganz einfach deswegen, weil Gott das Gewöhnliche in unserem Leben, unsere Menschlichkeit und unsere Grenzen, unsere Sehnsucht und unsere Hoffnung ernst nimmt, weil er selber so wird, menschlich und sehnsuchtsvoll, und weil er all das mit Liebe erfüllt. Und wenn uns Gott dazu noch durch so eine „Weihnachtgurke“ ein Lächeln auf die Lippen zaubert, dann haben wir wirklich „frohe“ Weihnachten!

Ich habe deswegen auch eine kleine Gurke an unseren Weihnachtsbaum hier in St. Stephan gehängt. Wer sie findet, hat vermutlich nicht mehr Glück im nächsten Jahr, als ihm Gott sowieso schon zugedacht hat. Aber er hat einen Hinweis auf das gefunden, was an Weihnachten entscheidend ist: Die Achtsamkeit auf kleine Dinge, die die Liebe Gottes in unserer Welt erfahrbar machen.

Und wenn Sie dann vom Weihnachtsbaum aus auf die andere Seite gehen zu unserer Weihnachtskrippe, dann haben Sie dort die Liebe Gottes vor Augen im Kind in der Krippe. Mehr braucht es nicht, damit es Weihnachten werden kann. Mehr braucht es nicht, damit so manche Unstimmigkeit oder Einsamkeit in unserem Leben heil wird. Denn Gott betrachtet nicht nur unser unvollkommenes und gewöhnliches Leben mit liebevollen Augen und mit Wertschätzung, sondern er lässt sich selber 100%ig darauf ein. Das ist seine Art, die Welt heil zu machen: Mit Menschlichkeit und Liebe. Sie gilt jeder und jedem von uns. Das lasst uns feiern, heute an Weihnachten! Amen.