Foto von aufgeschlagenen Büchern

Weihnachtspredigt

Pfarrer Jürgen Barth

24.12.2002 in Karlsruhe-Mühlburg

Weihnachten

Liebe Gemeinde,

in der Zeitung stand geschrieben,
daß jedes dritte Kind in Deutschland den Grund für das Weihnachtsfest angeblich nicht kennt.
Ein Münchner Institut hat eine repräsentative Umfrage unter 700 Kindern von 6 bis 12 gemacht: Warum wird eigentlich Weihnachten gefeiert?
Manche haben gemeint,
das feiert man, "weil Winter ist" oder "weil der Weihnachtsmann gestorben ist"
- aber das sind sicher die extremen Antworten.
Immerhin 15 Prozent von den Unwissenden waren auf der richtigen Spur
mit ihrer Vermutung: "Das hat etwas mit Jesus zu tun!"

Es gab noch eine zweite Umfrage in diesen Tagen,
nämlich zur Frage, was sich die Menschen an Weihnachten wünschen.
Und was wünschen sich die meisten?
"Ruhe, familiäre Harmonie und Besinnlichkeit"!!
83 Prozent der Befragten nannten das Stichwort "Besinnlichkeit".
Die Psychologen, die das Ganze ausgewertet haben, sagen:
viele Menschen schrauben ihre Erwartungen hoch in diesen Tagen.
Es wird viel erwartet von Weihnachten.
Und so entsteht jedes Jahr das gleiche Phänomen,
daß viele unter Druck geraten, Weihnachtsdruck und Weihnachtsstress.
Vor lauter Vorbereitung auf Besinnlichkeit wächst der Stress.
Und am Schluß bleibt die Besinnlichkeit auf der Strecke.
Man kann nicht auf Kommando besinnlich sein,
quasi nach dem Motto: so, Schluß mit Hektik, jetzt werden wir besinnlich!
Das kann man genausowenig machen, wie man aus einem fahrenden Zug springen kann.
Man kann's natürlich tun, aber meistens ist es dann anders als man's gern hätte....

Wie kann es Weihnachten werden bei uns?
Wir hören die alte Geschichte, um uns dran zu erinnern, worum es an diesem Abend geht.
Und wir wollen über dieser Geschichte zur Besinnung kommen,
den Tag ausklingen lassen mit ein paar einfachen Gedanken über das,
was wirklich wichtig ist im Leben.
Was wir suchen an diesem Abend ---- das sind Worte, die tragen,
keine frommen Seifenblasen,
keine banalen Allgemeinplätze, die wir ja schon kennen.

Annäherung an die Weihnachtsbotschaft,
Annäherung an den lieben Gott, der uns seinen Sohn schenkt,
wie wir's vorhin gesungen haben..........
Mir kommt's manchmal so vor, als wenn der Glaube in unseren Breiten
allmählich sowas Ähnliches für viele Menschen ist wie eine alte Uhr, die man geerbt hat.
Sie hängt zwar an der Wand,
aber sie tickt nicht mehr.....
Man hat sie ja auch schon lange nicht mehr aufgezogen.
Manche haben sie schon abgehängt: was, in die Kirche gehst du? Was willst du denn da?
An Weihnachten - da könnten wir diese alte Uhr mal aufziehen ---
und oh Wunder: wir könnten merken, daß sie noch geht....
Versuchen wir's heute abend.
Werden wir besinnlich.
Erwarten wir etwas.
Erinnern wir uns an die ganz einfachen Dinge unseres Glaubens.
Das Evangelium ist ganz einfach, jedes Kind kann es verstehen.

Drei Schritte schlage ich Ihnen vor.
Der erste Schritt:
Damit es Weihnachten wird bei uns,
könnten wir die Wirklichkeit Gottes einfach mal voraussetzen,
einfach mal davon ausgehen, daß es ihn gibt,
uns nicht ständig zermartern mit der Frage: gibt's Gott überhaupt?
Braucht man Gott überhaupt?
Meine Großmutter hat noch geglaubt,
wenn's donnert, dann hat das was mit dem lieben Gott zu tun.
Heute scheint alles machbar, erkennbar, erklärbar, durchschaubar.

Aber auf die wesentlichen, wirklich wichtigen Fragen
gibt uns keine Wissenschaft eine Antwort.
Warum lebe ich überhaupt? Wer bin ich? Woran kann ich mich festhalten, anbinden?
Mit dem Verstand gibt's hier keine Antworten.

Die Relativitätstheorie kann mir vielleicht erklären, wie manches funktioniert,
so daß ich die Welt und ihre Zusammenhänge besser verstehen kann,
und das ist hochinteressant,
aber die Relativitätstheorie kann mich nicht in den Arm nehmen,
wenn's mir schlecht geht,
kann mich (um es ganz fromm zu sagen mit den Worten des alten Heidelberger Katechismus)
nicht trösten im Leben und im Sterben.

Ich brauche es, daß ich mich irgendwo anbinde, festmachen, ausrichte.
Anbindung auf Lateinisch heißt: "religio"

Wie komme ich zum Glauben, zur Religion?
Der erste Schritt ist der Schritt, den mein Herz geht.

Und wenn wir an Weihnachten etwas erkennen wollen,
dann so, daß ich nicht mit dem Verstand den ersten Schritt tue, sondern mit meinem Herzen.

Die Wirklichkeit Gottes einfach einmal voraussetzen,
mich nicht fest beißen auf angebliche Beweise für Gott, die es nie geben kann,
sondern einfach mit seiner Gegenwart rechnen -----
das könnte ein erster Schritt sein.

Und dann gibt es freilich noch einen zweiten Schritt.
Was würde es mir denn helfen,
wenn es irgendwo einen Gott gäbe und ich nur wüßte, daß es ihn gibt!??
Daß es "irgend etwas" geben muß, sagt man so, irgendein höheres Wesen.....
Entscheidend ist aber, ob dieses höhere Wesen etwas mit mir zu tun haben will.

Und genau darum geht's in der Bibel!
Die Bibel erklärt uns hier nichts.
Sie erzählt uns eine Geschichte.
"Euch ist heute der Heiland geboren!"
Du bist gemeint! hören wir da.

Es kann doch niemand ernsthaft glauben,
es sei das Eigentliche an Weihnachten,
daß wir uns heute abend an eine Begebenheit in Bethlehem vor 2000 Jahren erinnern,
wo ein paar einfache Leute, Hirten auf dem Feld, eine Lichterscheinung hatten.
Nein, es geht ja darum, daß UNS das Licht aufgeht.
Wir kommen in dieser Geschichte vor!!
Glaube ist Glaube an Gottes Berührung.
Christlicher Glaube meint nicht: irgendwo wird's einen Gott geben,
sondern christlicher Glaube ist Glaube an den heruntergekommenen Gott,
einen Gott, der mich berührt: DU bist gemeint, zu dir komme ich....

Die Wirklichkeit Gottes für möglich halten, der erste Schritt.
Mir sagen lassen, daß ich selber gemeint bin, ein zweiter.
Und noch ein Drittes:
Es kommt drauf an, diesen Glauben zu bewahren,
daß wir ihn nicht verlieren auf dem Weg in unseren Alltag.

Jedes Jahr, wenn wir nach dem Weihnachtsgottesdienst mit den brennenden Kerzen
hinausgehen, dann kann man immer wieder das Gleiche beobachten:
schon unter der Tür drohen die Kerzen auszugehen,
....... während noch die Glocken läuten, bläst sie der Wind schon aus.
Das ist wie ein Bild für die Lebenswirklichkeit:
Wie soll man den Glauben durchhalten draußen, wo der Wind bläst, draußen vor der Tür?
Wie kann Weihnachten ein wenig weiterleuchten ins neue Jahr hinein?
Und wie kann der Glaube Bestand haben, wenn wir das Leben nicht mehr verstehen....?
"Wenn es einen Gott gibt, warum.....?" sagen wir oft,
und manche halten das alles, was wir hier hören in der Kirche, für ein frommes Märchen,
ein schönes Weihnachtsmärchen, das schon unter der Kirchentür vom Wind verweht wird.

Wenn Gott existiert,
wenn er Liebe ist, sich uns zuwendet,
warum dann soviel Leid? Das Böse? Die Gemeinheit der anderen? Das Böse in uns selber?
Das Zerbrechen von Beziehungen? Die Schrecken des Krieges? Die Krankheit und der Tod?

Es gibt keine Rezepte auf solche Fragen.
Es wird keine Antworten geben für unseren Verstand
auf die Frage nach dem Warum von Leid und Dunkelheit in der Welt.

Was weiß der Frosch vom Ozean?
Was weiß ein Fisch im Aquarium vom Weihnachtsoratorium?
Was weiß der Mensch von Gott und von dem, welcher Sinn letztlich hinter allem steht?

Die Bibel gibt uns keine Antworten für unseren Verstand.
Was verstehen wir schon! Bilden wir uns nicht ein, wir könnten die Zusammenhänge begreifen.
Aber die Bibel erzählt eben --- diese alte bekannte Geschichte.

Wenn es am dunkelsten ist,
wenn das Dunkel dieser Welt undurchschaubar ist, im wahrsten Sinne des Wortes,
dann ist Gott gegenwärtig. Er steigt herab. Er läßt sich herab:
"er wird niedrig und gering".
Wir werden unser ganzes Leben diese Geheimnisse nicht begreifen,
und wir werden manchmal müde sein und unser Glaube kann brüchig werden.
Werft euren Glauben nicht weg!
Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages, das ist die Weihnachtsbotschaft.

Der Glaube, manchmal wie eine alte Uhr, die wir geerbt haben an der Wand.
Und dann versuchen wir es, ziehen sie auf, ob sie noch geht? Ob der Glaube trägt?
Wir hören die alte Geschichte,
sie kann unser Herz anrühren,
uns anstecken mit einer unaussprechlichen Freude.
Jeden kann dieses Licht erreichen.
An diesem Abend.

Mache dich auf und werden licht, mache dich auf und werde licht,
mache dich auf und werde licht, denn dein LICHT kommt.........

Amen.