Foto von aufgeschlagenen Büchern

Weihnachtspredigt über den "Schellenengel"

Pastor Dr. Christian Butt (ev.-luth.)

24.12.2012 in der Kirche Bergstedt/ Hamburg

Christvesper 2012

Liebe Gemeinde,

vor einigen Tagen bekam ich Post. Das an sich ist noch nicht bemerkenswert. Doch der Brief, den ich erhielt, der fand dann schon meine besondere Aufmerksamkeit.

Der ADAC war der Absender. Jener Automobilclub, an dessen Mitgliedschaft man sich eigentlich nur dann erinnert, wenn man eine Panne hat oder an der Tankstelle gefragt wird: Punkte sammeln oder Rabatt? – Nun, der ADAC schrieb mir also einen Brief, in dem er mich darauf aufmerksam machte, dass mein Sohn volljährig geworden sei. Dieser Umstand war mir durchaus bekannt. Der ADAC aber meinte nun, dass ich das schützen solle, was mir wertvoll sei. Bot mir Versicherungen, Infomaterial und meinem Sohn eine young-generation Mitgliedschaft an.

All das hätte mich nun nicht weiter stutzen lassen, sondern lediglich die ausgefeilte und punktgenaue Akquise bewundern. Aufgemerkt habe ich bei der Aufmachung der Post. Auf dem Umschlag, unübersehbar, ein gelber Engel. Und im Anschreiben ebenso markant, wiederum ein gelber Engel. So dass man beim flüchtigen Betrachten durchaus denken könnte, es handelt sich entweder um Post von der Kirchengemeinde, einer diakonischen Einrichtung oder Werbung von einem frommen Verlag.

Der ADAC – die gelben Engel. Bewusst und gekonnt geht der ADAC mit diesem Symbol um. Und das nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit.

II

Zu Weihnachten, das ist eindeutig, haben Engel Hochkonjunktur. Ob an schummrigen Glühweinständen, in geschmückten Kaufhausschaufenstern oder gar im Internet als Kostüme zur Bestellung: Wahlweise mit Heiligenschein, Flügeln oder wallendem Haar. Zu Weihnachten finden sich Engel an allen möglichen Ecken und Enden. Und die Grenzen des guten Geschmacks scheinen da mehr als nur einmal überschritten zu werden.

Die Frage, die sich angesichts all des Gebrauchs und Missbrauchs von Engeln ergibt, ist doch die: Haben uns Engel eigentlich nichts mehr zu sagen? Sind sie nur noch kitschig-herzige Dekoration oder klischeebeladene Verkaufsschlager? Oder steckt da doch noch mehr dahinter?

Dass diese Frage Heilig Abend gerade in dieser Kirche geklärt werden muss, das ist natürlich nicht zufällig. Es ist doch gerade der gute, alte Taufengel, der eine so große Anzahl von Tauffamilien in diese Kirche kommen lässt. Sicher: Auch wegen des schönen Ambientes, der romantischen Kerzenbeleuchtung – und aber eben auch wegen des Engels. Meines Erachtens steckt da mehr dahinter, wenn man sein Kind unter dem Zuspruch und dem Segen des Taufengels taufen lassen möchte. Auch, wenn man das vielleicht nur schwer formulieren kann.

III

Um unsere Gedanken zu lenken und von außen her Anstoß zu erhalten, ist auf dem Liedzettel eine Engelsdarstellung von Paul Klee abgedruckt.

(Anmerkung: Das Abdrucken des Schellenengels ist insofern sehr unaufwendig, da es sich um eine sehr schlichte schwarz-weiß Zeichnung handelt!)

Vielleicht haben Sie schon darüber gefreut, gewundert, geschmunzelt, geärgert oder gedacht, hat das der Pastor selbst gemalt? Das Bild ist von 1939 und trägt den Titel: „Schellenengel“. Dieser Schellenengel soll uns Aufschluss über die Frage der Engel geben.

> Lange kann man über die Frage diskutieren: Gibt es eigentlich Engel? Nicht nur die Weihnachtszeit ist ja voll von ihnen, auch die Bibel. Von den ersten Seiten, in denen erzählt wird, dass Engel das Paradies bewachen, als es Adam und Eva verlassen müssen; bis zu den letzten Seiten, den Engeln der Offenbarung. Engel finden sich durchgängig in der Bibel. D.h., von Engeln ist seit Jahrtausenden die Rede und die Sehnsucht nach ihnen scheint auch heute ungebrochen. Doch: Wo sind sie? Und wie sehen sie aus?

Paul Klee gibt mit seinem Schellenengel einen Hinweis. Engel sehen anders aus als vorgestellt. Ja, sie sprengen unsere festgefügten Schemata. Bei dem Bild von Paul Klee würde man nicht unbedingt darauf kommen, dass es sich um einen Engel handelt, hätte der Maler nicht selbst den Titel dazu gegeben. So anders ist er: Weder puttig, romantisch, noch kitschig. Das ist der entscheidende Hinweis: Engel gibt es. Sie umgeben uns. Aber sie sind so ganz anders, als wir sie uns denken.

> Wenn wir uns das Bild von Paul Klee genauer anschauen, dann ist das ja ein munterer Gesell, der Schellenengel. Einerseits den Blick irgendwie nach hinten gerichtet, streckt er das Bein keck und zuversichtlich nach vorne in die Zukunft. Ein Ausdruck dessen, dass Engel uns begleiten, an unserer Seite sind. Sie tanzen lebenslustig vorbei und drehen und wenden sich als Zeichen: Du bist nicht allein.

Das bedeutet: Wir müssen gar nicht auf das Besondere hoffen. Wir müssen auch nicht an die Ränder und an die Brüche unseres Lebens gehen. Sondern, mitten in unserem Leben sind Gottes Engel ganz gegenwärtig und um uns. Sie sind in den lichten, schönen Momenten da. Im Lachen, im Fröhlich sein, im Gelungenen und der Begeisterung. Und auch im Dunkeln, den Verlusten, den nagendem Zweifel und Abschieden. Engel umgeben uns tagtäglich, als Zeichen und Hinweise Gottes. Sie schauen nach uns und haben gleichzeitig keck den Fuß in die Zukunft gestreckt. Denn auch da hinein begleiten sie uns.

> Erkennen wir Engel? Der Schellenengel lehrt uns, dass es eines besonderen Blicks bedarf, Engel zu erkennen. Sie sind so ganz anders, als vorgestellt und doch begleiten sie uns im Alltäglichen so nah.

Es kommt auf den Blick an, wie wir unser Leben betrachten, verstehen und ob wir darin auch Gottes Spuren erkennen. Ist in meinem Leben alles selbstverständlich und logisch. Nach dem Motto: „Ich bin so toll, also ist mein Leben eben so toll!“ Oder erkenne ich auf meinem Weg und in meinem Leben, dass da mehr ist. Da ist Einer, der da ist, der Unfertiges vollendet und mein Leben behütet – samt seiner Engel?

Wenn ich diesen Blick einnehme, da erkenne ich die Engel. Sie sind oftmals schon lange da: Meine Partnerin/ mein Partner; meine Kinder; die Kindeskinder; die Freunde; die Nachbarn; die Kolleginnen und Kollegen; und die zahlreichen Begegnungen mit Unbekannten, die mein Leben hell gemacht haben, durch ein Lächeln, eine hilfreiche Hand oder ein gutes oder wichtiges Wort.

Diese Engel sind es, die Gott in mein, in unsere Leben gesandt hat und sendet. Und das ist doch Kern der Weihnachtsbotschaft: Gott ist nicht fern, sondern nah und dicht, bei uns Menschen an der Seite. Er lässt uns nicht allein!

- Doch Paul Klee hat noch einen wichtigen Hinweis in seinen Schellenengel gezeichnet. Und ganz ehrlich, deswegen ist der Schellenengel mein Lieblingsengel. Es ist ein Hinweis, der so gut und treffsicher in unsere Zeit passt. Es ist die Schelle im linken Rand, die an seinem Rock oder Gewand hängt. Eine Schelle oder Glocke, die, so würden wir heute sagen, mit einem Smiley, einem Lachen verziert ist.

Trotz seiner ernsten Aufgaben, der Lebensbegleitung, dem Mitgehen durch Höhen und Tiefen, trägt der Engel eine Schelle bei sich. So beinhaltet er Anklänge an einen Harlekin oder Clown. Und erinnert uns ganz unaufdringlich daran, dass Humor, Lachen und Fröhlichkeit ebenfalls zu der Grundmelodie des Lebens gehören. Und dass dies oft in unseren Breiten arg zu kurz kommt. Wir uns als leidenschaftlichen und professionelle Bedenkenträger erweisen und alles Heitere und Leichte als Oberflächlichkeit abtun. Der Schellenengel erinnert an die Leichtigkeit und Munterkeit, die ihren Raum im Leben hat. Gerade im und durch unseren Glauben.

Allerdings ist damit die Kirche auch selbst gefragt. Die in zahllosen Predigten die Botschaft der Liebe verkündet und verkünden lässt, aber davon in den Gottesdiensten so wenig spüren lässt. Oftmals wirken sie so grau, langweilig und so, als stehe bei Gott Lachen und Heiterkeit unter strenger Strafe.

Vielleicht können wir alle, und eben auch die Kirche, von Pater Brown, dem Helden der Krimis von Chesterton, einen Ratschlag und Tipp annehmen. Denn auch er hat sich mit Engeln beschäftigt und bekam eines Tages die Frage gestellt, warum Engel fliegen können? Und Pater Brown gab darauf die Antwort: Weil sie sich leicht nehmen!

Der Schellenengel von Paul Klee erinnert an diese kluge Einsicht.

IV

So wünsche ich ihnen, dass sie die Engel Gottes in den kommenden hellen und dunklen Stunden erkennen. Und sich zugleich von ihnen ermuntert fühlen, das Leben engelsgleich zu nehmen. Nämlich leicht. – Unser Leben liegt in Gottes Hand. Er trägt es. Schwerer kann es nie werden. Wenn das nicht eine weihnachtliche Botschaft ist? Amen