Foto von aufgeschlagenen Büchern

Weihnachtspredigt

Pfarrer Matthias Franz

24.12.2007 in Gründau-Gettenbach

Ein Predigttext im engeren Sinne lag der Predigt nicht vor. Jedoch wurde im Gottesdienst die Weihnachtsgeschichte nach Lukas gelesen. Außerdem wurde das Magnifikat (der Lobgesang der Maria, Lukas 1, 46 - 55 in der Lutherübersetzung, Fassung 1984) im Eingangsteil als Introitus-Psalm verwandt. Die Zwischenüberschriften dienen nur der Orientierung des Redners.
Aktueller Anlass dieser Predigt sind Beispiele von großer Vernachlässigung von Kleinstkindern, die zum Teil bis zum Tod der Kinder führten und die deutschlandweit zu erheblicher Beunruhigung führten.

Liebe Gemeinde!

Natürlich gab es zur Zeit Jesu noch kein Jugendamt. Und doch fand ich es reizvoll, die Weihnachtsgeschichte aus der Sicht eines Sozialarbeiters in Bethlehem zu betrachten. Dazu haben die Fälle beigetragen, in denen kleine Kinder heute vernachlässigt wurden. Dann musste das Jugendamt einschreiten und fand ein unbeschreibliches Elend. Stellen wir uns vor, ein Sozialarbeiter vom Jugendamt hätte damals von der Geburt Jesu erfahren. Durch seine Augen wird die Weihnachts­geschichte auf neue Weise spannend. Aber hören Sie selbst.

1. Amnon, der Sozialarbeiter
Amnon, der Sozialarbeiter beim Jugendamt der Stadt Bethlehem hatte schlechte Laune. Die städtischen Finanzen waren erbärmlich. Das war nichts Neues. Jahr für Jahr musste er fürchten, dass sein Vertrag nicht verlängert wurde. Denn die Verwaltung stritt jedes Jahr, ob man den Sozialarbeiter entlassen könnte und von dem gesparten Geld die Löcher in den Straßen reparieren.
Im letzten Jahr hatte Amnon Glück gehabt. In einem Nachbarort, in Beer-Scheba, hatte die Stadtverwaltung den Sozialarbeiter entlassen. Kurz darauf war ein Säugling nach der Geburt an Vernachlässigung gestorben. Es war die übliche Geschichte: Mutter Teenager, Vater unbekannt, kein festes Einkommen und so weiter. Nach dem grauenhaften Fund ging ein Aufschrei durch ganz Judäa. Die Juden hat­ten sich schließlich ein Bewusstsein dafür erhalten, dass jedes Kind Geschöpf Gottes war. Ein Säugling, der an Vernachlässigung starb, war ein Skandal. Übrigens: In Griechenland war das anders, da hätte sich niemand groß daran gestört.
Nach diesem Unglück hatte Bethlehem den Arbeitsvertrag von Amnon schnell verlängert. Schlimm, wenn solche Vorfälle einem die Stelle retten, dachte Amnon.
Manchmal träumte er von einer vollen Stadtkasse und von einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Aber Bethlehem war im Grunde ein großes Dorf. Wirtschaftlich war wenig los. Dass 1000 Jahre zuvor König David aus Bethlehem gekommen war, hatte der Stadt eine gewisse Berühmtheit eingebracht. „Davids Stadt Bethlehem“ nannte sie sich stolz. Aber der letzte König aus Davids Familie war schon 500 Jahre tot. Nur von der Nostalgie kann man nicht leben. Amnon machte sich keine Illusionen.

2. Arbeit für Amnon
An diesem bestimmten Abend gab es einen konkreten Anlass für Amnons schlechte Laune. Nach Dienstschluss war jemand zu ihm gekommen und hatte gesagt: „Amnon, es gibt Arbeit für dich. Draußen, in einem Stall auf den Feldern, ist ein Kind geboren worden. Die Mutter ist höchstens 16. Da ist noch ein Mann dabei, wohl nicht der Vater, vermutlich irgendein Boyfriend. Die Leute sind nicht von hier. Geh mal nachschauen.“
Den Rest konnte sich Amnon denken. Er kannte solche Geschichten zu Genüge. Das Wichtigste war, eine Tragödie wie in Beer-Scheba zu verhindern.
Er packte ein Paket: Fünf Hemdchen und einige Windeltücher, eine warme Decke, Obst für die Mutter und ein Brot. „Begrüßungspaket“ nannte er dies. Meistens reichte es, um die ersten Tage zu über­brücken. Amnon warf sich den Mantel über und ging rasch in die Kälte hinaus. Immerhin wurde er dafür bezahlt.
Den Stall fand er schnell. Mit geübtem Blick bemerkte er ein paar Spuren von Tabak am Eingang. Er sah aber keine Scherben, und es roch auch nicht nach Alkohol. Wenigstens etwas. Amnon hörte Stimmen von drinnen - das Kind schrie, das Mädchen redete sanft und ein Mann sagte etwas, was er nicht verstand. Kein Zweifel, Amnon war richtig.

3. Im Stall
Als das Kind ruhig war, klopfte Amnon. „Guten Tag. Ich bin Amnon und komme vom Jugendamt der Davidstadt Bethlehem. Darf ich eintreten?“ - „Kommen Sie rein“, sagte der Mann. Das Mädchen legte sich schnell ein Tuch über die Brust, an der das Baby gerade trank. Es war dunkel, und Amnons Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Das Kind war gewickelt. In einer Futterkrippe lag ein Schaffell. Anscheinend hatte das Kind dort geschlafen. „Ich bin Josef“, sagte der Mann, „und die Mutter des Kindes heißt Maria.“
„Dein Kind ist letzte Nacht geboren worden, habe ich gehört“, sagte Amnon, und das Mädchen nickte. „Ja, es ging schnell“, sagte sie mit geschwächter, aber fröhlicher Stimme, „zwei Stunden lag ich in den Wehen, dann war er da. Er hat sofort getrunken.“
„Ich habe Ihnen das Begrüßungspaket der Davidsstadt Bethlehem mitgebracht“, sagte Amnon und wandte sich an beide. Josef nahm das Paket entgegen. „Wir danken Ihnen“, sagte er. „Wir sind wegen der Volkszählung hier und haben nur wenig Erstlings-Ausstattung. Wir wurden von der Geburt überrascht. Aber schon in der Nacht haben uns ein paar Hirten besucht und uns Fell und solche Dinge gebracht. Ihre Geschenke werden uns sehr helfen. Wir müssten halbwegs klarkommen.“
Amnon atmete auf. Es hätte schlimmer kommen können. Das Kind lebte und wurde versorgt. Es gab sogar Ansätze eines sozialen Netzes - Gewiss, nur Hirten, aber immerhin.

4. Gott hat es so gewollt.
Mittlerweile konnte er in der Dunkelheit recht gut schauen. Maria war erstaunlich fröhlich, fast aufgekratzt. Ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes am Weihnachtsabend. Josef kümmerte sich um den Kleinen, als wäre er der Vater. Die beiden schienen wie ein Lichtblick im Elend.
Amnon aber traute dem Frieden nicht ganz und fragte vorsichtig bei Maria nach: „Du hast dein Kind sehr früh bekommen.“ „Gott hat es so gewollt!“ sagte sie. „Wie meinst du das?“, fragte Amnon. Maria antwortete: „Gott hat mir dieses Kind geschenkt. Es ist ein Gotteskind!“ Das Mädchen sprach sicher und überzeugt.
Amnon überlegte: Schwangerschaften von Teenagern kamen bei frommen Leuten etwas seltener vor. Dafür war die Schande größer. Maria wirkte recht fromm. Vielleicht könnte er zwischen einem strenggläubigen Vater und dem Mädchen vermitteln. Das traute sich Amnon zu.
„Gewiss“, sagte Amnon, „Gott hat dir dieses Kind geschenkt, und es ist ein Gotteskind.“ Seine Stimme klang nicht ganz so sicher, aber ihm gefielen die Worte Marias. „Trotzdem musst du für dein Kind sorgen, und hier in der Kälte ist nicht der richtige Ort für Säuglinge.“ - „Ich sorge für ihn!“, sagte das Mädchen. „Zwar hatte keiner in Bethlehem Platz für uns. Aber hier im Stall hat uns Gott viel Gutes getan. Erst ging die Geburt recht gut, dann haben uns die Hirten geholfen. Gott wird uns einen Weg finden lassen. Daran glaube ich ganz fest. Übrigens: Die Hirten gingen fröhlich weg von hier. Der Kleine hat sie glücklich gemacht. Es ist ein Segen, dass er lebt.“
„Ja, Maria, ein Kind ist ein Segen. Sorge gut für ihn, damit er für dich und für euch alle ein Segen bleibt. Ich will sehen, ob ich ein städtisches Zimmer für euch finde, aber das klappt frühestens morgen. Heute müsst ihr noch hier bleiben. Ihr findet mich ansonsten in Bethlehem beim Jugendamt. Ich bin für euch da.“ Er wandte sich zur Tür.

5. Der König
Als ein Lichtstrahl durch die Tür in das Gesicht von Josef fiel, stutzte Amnon. „Verzeihung, Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Sind Sie vielleicht von hier?“, fragte er vor­sichtig. „Ja und nein“, antwortete der andere, „Ich bin Josef, Sohn von Eli. Meine Familie stammt von hier. Unser Urahn ist König David.“ - „Unser Nachbar ist ein Cousin von Ihnen“, sagte Amnon, „daher kommt die Ähnlichkeit.“
In Gedanken versunken fügte er hinzu: „So weit ist es also mit der Königsfamilie gekommen. Erst verlieren sie den Thron. Dann verarmt ihre Heimatstadt. Nun liegen ihre Nachkommen in der Futterkrippe.“
„Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“, meinte Maria. - „Schon recht“, sagte Amnon, „aber es tut mir nur weh, die Nachkommen unseres alten Königs im Stall liegen zu sehen.“ - „Gott hat es so gewollt; er wird wissen warum“, meinte Maria.
Die Kleine ging Amnon mit ihrem Glauben etwas auf den Wecker. „Ja gewiss“, wich Amnon aus, „ich hoffe nur, dass irgendwann einer der Nachkommen Davids wieder König wird - so wie es in der Bibel steht. Aber unsere Stadt wird immer ärmer. Die Nachkommen Davids werden immer ärmer. Wie soll einer von denen wieder König werden?“ - „Denken Sie immer nur ans Geld?“, fragte Maria frech. Gott schütze deine Naivität, dachte Amnon, aber irgendwie hatte die Kleine Recht.
„Nein, nicht nur, aber es ist doch wichtig.“ Amnon wich aus. Da wurde Maria mutig: „Hör zu, ich will Ihnen mal was sagen. Dieses Kind ist nicht irgendein Gotteskind, sondern dies ist der Sohn Gottes. Dieser ist geboren, um König zu sein in Israel. Viele werden sich über seine Geburt freuen. Dieser wird Gottes Reich auf die Erde bringen. Das weiß ich, und Sie werden es erleben.“
Amnon kam nicht mehr mit. „Woher weißt du das?“, fragte er. „Ein Engel hat es mir gesagt. Ein Engel hat es Josef im Traum gesagt. Engel haben es den Hirten gesagt.“
Amnon hatte die Kleine zunächst für vernünftig gehalten; jetzt begann er zu zweifeln. Solche Sätze zeigten eher die Allmachtsfantasien eines Teenagers. Ob sie die Realität noch wahrnehmen konnte?
„Sie glauben mir wohl nicht?“, sagte Maria. „Sie werden sehen: Gott erhöht die Niedrigen.“ - „Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte Amnon laut. Dass ihm der Gedanke des Mädchens gefiel, traute er sich nicht zu sagen.

6. Die Weisen
Ein leichtes Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Eine Stimme sprach mit einem ziemlich ausländischen Akzent: „Wir suchen den neugeborenen König der Juden. Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Amnon drückte sich in eine Ecke des Stalls. Dann ging die Tür auf, drei reiche Fremde traten ein, knieten nieder vor dem Kind und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Dann gingen sie wieder.
Amnon zwickte sich in den Arm. Hatte er geträumt? Dann aber klopfte sein Herz voller Freude: Sollte das Mädchen Recht behalten? Sollte dieser Kleine irgendwann tatsächlich König werden? Gott hatte manchmal seltsame Wege für die Menschen.
Da fuhr ein eisiger Schrecken Amnon in die Glieder. Er nahm Josef zur Seite. „Macht euch fort von hier. Es gibt noch andere Könige in Israel. Dieser Besuch allein kann reichen, um Herodes gegen euer Kind aufzubringen. Die Welt ist voller Neid. Euer Kind ist ein Schatz. Ihr müsst es schützen. Wir werden ihn noch brauchen.“
Schnell ging er zurück ins Jugendamt und nach Hause. Er klaubte Proviant und Decken zusammen und brachte alles in den Stall. „Geht nach Ägypten, bis hier die Luft rein ist.“ Maria, Josef und das Kind gingen.

7. Schluss
Amnon aber war glücklich. Dieses Kind hatte Gott gesandt. Die Eltern glaubten an Gott und vertrauten ihm. Sie vernachlässigten das Kind nicht. Sie bekamen Hilfe von Hirten und anderen - sogar von ihm. Dieses Kind würde vermutlich aus dem Teufelskreis der Armut ausbrechen.
Plötzlich war nicht mehr sicher, dass die Herrscher immer Herrscher bleiben und die Armen immer arm. Sollte der Kleine mal groß werden, dann würden die Menschen staunen!
Bis dahin aber kümmerte sich Amnon wieder um die anderen Gotteskinder, die arm und vernachlässigt geboren wurden. Manchmal erzählte er dann in Scheunen und unter Brücken die Geschichte jener zauberhaften Geburt, und die Menschen hörten ihm schweigend zu. Verzweifelten Müttern und Vätern taten seine Worte gut. Sie hofften wieder, dass auch ihre Kinder Gotteskinder sein könnten, und dass Gott sie behüten würde
Der eine Sohn Gottes aber, der Sohn der Maria, wuchs heran, wurde stark an Einsicht und Weisheit. Gespannt wartete die Welt darauf, dass dieser Königssohn seine Herrschaft antreten würde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Amen.