Foto von aufgeschlagenen Büchern

Wochenschluss-Andacht zu Johannes 3,1-8

Jutta Jandke

10.06.2001 im Kloster Lehnin, Evang. Landeskirche Berlin-Brandenburg

"Es war ein Pharisäer namens Nikodemus, ein führender Mann unser den Juden. Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. Jesus antwortete ihm; Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden. Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist." Joh. 3, 1-8

Diese Geschichte von Nikodemus begleitete mich in jungen Jahren. Ich ging abends spät zu einem Freund und wollte mit ihm ins Kino gehen. Er hatte aber zu tun und lehnte ab. Später vermittelte er mir zu diesem abendlichen Besuch die Geschichte von Nikodemus. Ich wollte von ihm etwas Irdisches, er hatte Geistiges zu tun. Ihn hielt der Geist, Himmlisches zu tun. Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen. Ich war zu dieser Zeit nicht im Reich Gottes. Heute lebe ich anders, erwachter, himmlischer, innerlicher, mit mir identischer. Nach vielen Jahren der geistlichen Übung bin ich ein neuer Mensch geworden. Ein japanisches Zen Wort sagt, willst du Satori, Glückseligkeit, erlangen, dauert es 20 Jahre. Der Schüler fragt, geht es nicht schneller, dann dauert es 40 Jahre, antwortet der Meister. So ist es mit dem Erwachen, mit der geistigen Neugeburt, es bedarf der Geduld. Die Sicht der Dinge hat sich verändert. Ich lebe zufriedener, bereiter, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, alles aus Gottes Hand zu nehmen. Karl Rahner sagt: Die wahre Theologie lernst du auf den Knien.

Du bist wichtig, auf dich kommt es an. Du, an der Stelle, an der du auch stehst. Dort berührt deine Seele Himmel und Erde. Auf dich kommt es an, hier und heute. Jeder Tag ist lebenswert und jeder Tag ist wichtig. Das Leben ist eine Herausforderung, nimm sie an (Mutter Teresa). Sie sagt auch, wenn du betest, schließe Mund und Augen und öffne dein Herz, sei gegenwärtig, sei ganz da. Gott wird mit dir sein. Du wirst ihn erfahren, in dieser Gegenwart. Wie unerforschlich sind seine Wege, heißt es im Römerbrief. Er geht mit uns Wege, wie er sie gehen will, aber wir müssen uns ihm öffnen, in der Meditation, im Gebet, uns ihm hinhalten, für ihn empfänglich werden. Wenn du nein sagst, kann Gott nicht wirken. In Jesus war immer ein ja! Ein ja zur geistigen Neugeburt, ein ja zum Geist Gottes, ihm sei Ehre und Dank.

Wie können wir junge Leute heute auf den Weg des Glaubens führen? Nicht anders, als durch Gebet und Meditation. Indem wir für sie beten, öffnen wir uns für die Jugend, die ohne Gott lebt, für die Erwachsenen, die ohne Gott leben. Nur, wenn wir ein lebendiges Beispiel werden, können wir brennen und von unserer Fülle weiter geben. Der Gesang, die Gregorianik berühren die Menschen. Wo jemand innerlich getroffen wird, verändert er sich, wird ein Fragender, ein Lauschender, ein Suchender, nach Gottes Wegen. Nur die Heiligen können die Welt noch ändern. Deshalb sind sie auch aktuell, wie eh und je. Ihr Beispiel aus allen Zeiten befruchtet uns, gibt uns Glaubenskraft und vom Kreuz geht Kraft aus. Schauen Sie das Kreuz an, meditieren sie es. Es gibt immer und in jedem Fall lebendige Glaubenskraft weiter. Hier hat Jesus gelitten, hier ist er ganz tief unten gewesen, verlassen, allein. Hier hat er nach dem Vater gerufen, mit dem Tod gerungen, weil er in diese Niedrigkeit gegangen ist mit den Worten. "Vater, dein Wille geschehe" in Gethsemane, deshalb kann er für uns da sein, können wir bereit werden, ihm zu folgen, unser Schicksal auf uns nehmen, wie es auch aussehen mag. Er ist für uns da. Glaubend können wir beten lernen, wie er zum Vater betete: Vater, dein Wille geschehe.

"Das Wort, das Gott am allerliebsten hört. ist, wenn du herzlich sprichst: sein Wille sei geehrt." So sagte es Angelus Silesius. Das ist eine Lebensaufgabe, den Willen Gottes mit dem eigenen Willen in Übereinstimmung zu bringen und das Gebet, Herr, dein Wille geschehe, in der Not des Herzens, im Alltag, bei jeder Entscheidung gebetet, kann ein Leben, kann den Tag total verändern, macht einen neuen Menschen aus dir. Bete dieses Gebet und dein Geist wird sich ändern und deine Taten werden mit Gott konformer werden. Sein Geist antwortet dir. Herr, was mag doch eine Seele die von deiner Liebe entzündet ist. Teresa von Avila sagt es so. Sie wird deine Liebe, o Herr weiter geben, wird umfangend werden, wird verstehend werden, wird sich für andere einsetzen, wird das schwere Werk Barmherzigkeit, gegen den Stolz, lernen.

Das Leben ist ein Abenteuer, wage es, sagt Mutter Teresa, Leben in Liebe. Leben ist immer Kampf, kämpft ihn in Liebe, liebend kämpfen, so wirst du Gottes Willen für dein Leben nahe kommen. Spüre dir nach und erfülle, was die lnneres sagt, wohin es dich treibt, verwirkliche es und frage immer gleichzeitig, was ist dein Wille Herr, so wirst du du selbst werden und seinen Willen für dein Leben erfüllen. Beide Pole sind richtig, Du und Gott. Sie werden im Letzten übereinstimmen, wenn das zunächst auch paradox klingen mag, Gott und du eine Einheit. Glaubenssätze sind immer paradoxe Sätze, aber im Unendlichen, in Gott fallen diese Gegensätze zusammen. In ihm ist Einheit, ist Identität, ganz wirklich sein. Da werden wir ganz wir selbst sein und einen Glanz davon möchten und können wir schon hier in dieser Welt leben.

Ingeborg Wolf dichtet: Der Erwachte ist der vollkommene göttliche Mensch.
Er sieht und durchschaut.
Er ist Liebe, Weisheit und Machtfülle.
Frei vom manipulativen Spiel
rächt er nicht, straft nicht,
übervorteilt nicht.
Er ist wie Tau,
der sich auf alles niederlegt.
Er ist wie das Licht der Sonne, die über allem scheint.
Er durchdringt alles und ist alles.
Er lebt in allen und alles in ihm.
Er ist der Segen Gottes.
Schlicht und einfach, mit weitem Herzen,
frei und unbekümmert geht er seinen Weg.

Es war Pfingsten. Es scheint die Sonne und die Akazien blühen. Die Natur bildet eine Einheit mit uns. Ich freue mich an der Sonne, ich atme mit der Natur, wenn es regnet. Scheint die Sonne, so gehe ich baden, genieße die Natur. Gandhi sagt sehr schön: Wenn ich das Wunder eines Sonnenunterganges oder die Schönheit des Mondes bewundere, so weitet sich meine Seele in Ehrfurcht vor dem Schöpfer.

Luise Rinser schreibt ein Buch für Jugendliche "Tobias" Ein junger Mann sucht seine Identität, seinen vermeintlichen richtigen Vater. Er fühlt sich von dem, den er hat nicht verstanden. Wenn du nicht im Geist neu geboren wirst, wirst du das Himmelreich nicht erlangen. Nicht die irdische Herkunft ist ausschlaggebend sondern dein geistlicher Wandel. Werde ein neuer Mensch, ein tiefer, innerlich lebender Mensch. Erfahre das Himmelreich in dir. In jedem Menschen ist es, wie ein Seelenfunken, hineingelegt.

"O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!" So steht es im Römerbrief. Herakalit sagt: Die Tiefe der Seele kannst du nicht ausloten" und: "Ich habe mich selbst erforscht." Beides gehört zusammen. Das Wissen darum, daß der Mensch letztlich sein Geheimnis ist und dass der Mensch letztlich ein Geheimnis ist und dass der Mensch sich um Selbsterkenntnis bemühen soll. Das ist die wahre Philosophie. Erkenne dich selbst, sagt Sokrates.. Das ist das Schwerste im Leben, aber Mystiker lehren die Selbsterkenntnis als den Anfang des geistlichen Weges. O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wo wir uns selbst erforschen, stoßen wir auf Gott. Da, wo wir ganz wir selbst sind, ganz in uns, ganz lebendig, da ist Gott in uns, da ist er lebendig. Unser Selbst und Gott fallen zusammen. Es gibt ein Gedicht von Ingeborg Wolf, in dem es heißt:
Die da sagen: Es ist die Seligkeit, vergiß es.
Die da sagen: Es ist im Jenseits, vergiß es.
Die da sagen: Verzichte auf die Erde, vergiß es.
Die da sagen: Du bist klein und schwach, vergiß es.
Dies ist es nicht und ist es auch doch!
Es ist das Leben in diesem Kosmos
Es ist die Breite, Leere
Es ist das Leben in deiner Form
Es ist das Hier und Jetzt. Du bist es.

Meditation, Gebet kann zum Wichtigsten im Leben, im Alltag werden, wie Brot, das uns nährt. Eine Schwester sagte einmal: "Die charismatischen Lieder sind wie Weißbrot, aber die Psalmen sind das Schwarzbrot, von ihnen kann man leben." Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. In unserer Zeit, ist ein Hunger da, nach tiefer geistiger Nahrung, gegen alle Konsumwelt und Oberflächlichkeit, nach echter Frömmigkeit, nach gelebter Spiritualität. Wir können von den Mönchen, die hier einmal lebten, lernen. Sie stellten ihren Alltag in den Dienst Gottes. Sieben mal am Tag trafen sie sich zum gregorianischen Singen, zum gesungenen Gebet. Wenn wir zwei mal am Tag unseren Alltag aufs Gebet ausrichten, so werden wir uns verändern. Wir werden lernen, das Leben aus der Hand Gottes zu empfangen, wie es auch sei, wie alt wir auch sind. Niemand ist zu alt oder zu krank, um betend sich Gott zu öffnen. Ich möchte Ihnen dazu Mut machen. Probieren sie es. Tun sie es, Sie werden zufriedener werden. Sie werden lernen, mit ihrer Umwelt mit ihrer Krankheit oder dem Alter besser Freude zu erfahren. Freude von Gott, Freude am Leben, wie es sich auch gestaltet, auch wenn Sie ans Bett oder an den Rollstuhl gefesselt sind. Vielleicht kommt ein Enkel oder ein Urenkel, erzählt von der Schule, lässt sie so teilnehmen an seinem Leben. Und Sie sind nicht zu alt, für ihre Familie zu beten. Das Gebet, die Fürbitte braucht jeder. Tun sie es, erzählen Sie ihren Kindern, den Enkeln davon. Es wird ihre Beziehung verbessern. Wo gebetet wird, erwächst das Verständnis füreinander. Oft haben die jüngeren Leute keine Zeit dazu oder sie nehmen sich nicht die Zeit fürs Gebet. Sie haben Zeit, beten Sie mit gutem Gewissen. Ich möchte schließen, mit einer Strophe aus dem schönen Paul Gerhard Sommerlied: Geh aus mein Herz und suche Freud. Es heißt in der vorletzten Strophe: "Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir wird ein guter Baum und laß mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Garten schöne Blum und Pflanze möge bleiben."