Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Laudatio Kategorie „Lebenswerk“

Professor Dr. Fulbert Steffensky

von Pfarrerin Dorothee Löhr,  Mannheim

Pfarrerin Dorothee Löhr

Lieber Jubilar, liebe Festgemeinde!

Warum ist der Predigtpreis in der Kategorie Lebenswerk für Fulbert Steffensky so plausibel, also spontan zustimmungs-fähig?

Dafür gab es in der Jury des Predigtpreises mindestens zwei Gründe:
Der erste Grund oder Anlass ist Ihr 80. Geburtstag in diesem Jahr, Sie und Ihre ökumenische Gemeinde konnten dankbar auf Ihr außergewöhnlich prägendes Wirken zurückblicken: mit Ihnen weiser werdende Wegbegleiter aus der Zeit der politischen Nachtgebete, Karawanen-artige Kirchentags-Generationen, Großeltern wie Enkel, der große Fan-Club Ihrer Bücher, Vorträge und Predigten freuen sich dankbar mit Ihnen an Ihrem Lebenswerk!

Der 2. Grund: Sie sind als Prof. für Religionspädagogik ein warmherziger Lehrer  unzähliger Prediger und Predigerinnen. Deshalb glauben wir wenigstens Ihnen, dass Sprach-, Glaubens- und Herzens-Bildung ein langfristiges Unternehmen ist, und keine Event-Hascherei. Wir glauben Ihnen dass Meditieren, Beten, Lesen und sogar Predigen langfristige Bildungsvorgänge sind, die genährt werden wollen durch „Schwarzbrot-Spiritualität“, so der Titel eines Ihrer wahrhaft nährenden Bücher!

Sie wurden nicht müde uns zu lehren, dass das „Charisma der Kargheit“ kein Übel sondern eine Chance und ein Geschenk ist. Bei Ihnen lernten Generationen aus den verschiedensten politischen Lagern, dass die „Kirche sich nicht selber gehört, sondern den Leiden und den großen Fragen des Gemeinwesens“, dass Kirche und ihre Liturgie „Räume der Freiheit“ sind, also auch Räume des Experimenierens und „Orte des Erbarmens“, ja „dass es keine Gotteserkenntnis geben kann am Erbarmen Gottes vorbei.“

Sie prägten die Predigtsprache durch Ihre wundervoll sinnlichen Bilder: „Kirchen sind Mundhäuser“, „das Ohr ist ein Anarchist“, „ein zersetzendes Organ“, das die Nachricht anpasst, so wie der hörende Mensch sie braucht. Liturgien sind wie  „Schlosspantoffeln“, die keinem wie angegossen passen, damit alle hineinschlüpfen können, um die Schätze zu bestaunen, die prophetisch-kritischen, die kämpferischen, die tröstenden, die Zukunft schenkenden Worte. Wir dürfen in der „durstigen Sprache der Tradition“ wohnen. Für mich ist das die wichtigste und in der Predigtpraxis landauf landab einflussreichste Erkenntnis, dass wir das Entscheidende nicht selbst sagen und nicht einmal selbst explizit glauben müssen, sondern dass in Bibel und Tradition Kleider bereitgelegt sind, in die wir probeweise schlüpfen und in die wir dann auch hineinwachsen können.

Gleichzeitig erzählen Sie, wie vielfältig die ökumenischen „Dialekte des christlichen Glaubens“ sind, die Sie in Ihrer konfessionell wechselnden Biografie durchlebten und kreativ mitgestaltet haben. Sie brachten den protestantischen politischen Linken die nährende Weite der katholischen Welt und den katholischen Gemeinden die Schärfe der reformatorischen Freiheit. Sie sind als Grenzgänger zwischen den Konfessionen ein integrativer ökumenischer Brückenbauer, ohne die reformatorisch subversive Kritik an allen klerikalen nur scheinbar unpolitischen Hierarchien jemals zu vergessen.
Sie erzählen biografisch geerdet von störenden und nährenden Predigterfahrungen. Sie wünschen sich „Pfarrer, die nicht dauernd darauf aus sind, die Gemeinde zu gewinnen, bei Stange und bei Laune zu halten“. Sie reden gegen die Überanstrengung derer, die immer mit sich selbst deckungsgleich sein wollen. Und Sie vergleichen die Prediger augenzwinkernd mit Bileams Eselin, die ach so schwer am Prophetischen Anspruch und Amt trägt, die auch wenn sie wiehert, Gottes Wort sagt.

Sie erwähnen die wiehernde Eselin Bileams beiläufig, mit der Ironie des Alters, die nicht zynisch ist.  Schon Heinrich Heine kalauerte ja: ich habe noch nie einen Esel wie einen Mensch, aber schon oft einen Mensch wie einen Esel sprechen hören! Und doch kam auch Heinrich Heine immer wieder und noch in seinem letzten Gedicht auf die sprechende Eselin Bileams zurück.

II
Darum nehme ich Sie, lieber Jubilar, jetzt beim Wort, um herauszufinden, in wie fern die Eselin Bileams uns tatsächlich hilft bei der „Bildungsaufgabe Predigt“. Machen wir uns mit Bileam und seiner Eselin auf den Weg, schlüpfen wir in die weichen Pantoffeln des fremden Propheten aus dem 4. Buch Mose Kap 24ff und in seine Geschichte, machen wir sie uns vertraut, vertrauen wir der langfristig prägenden, bildenden und subversiven Kraft der biblischen Bildsprache:
Bileam bestieg seine Eselin, weil er geträumt hatte von König Balaks Schatz und  Schloss, und weil es ins Gebirge Midians ging zum Volk Gottes, das dort lagerte auf dem Weg ins gelobte Land. Im unwegsamen Gelände war das brave Lasttier unentbehrlich. Der König von Midian hatte den Propheten bestochen für einen unheimlichen Auftrag, er sollte das Volk Gottes verfluchen, denn das Volk, das auf seinem Weg in die Freiheit die Weidegründe der Midianiter bedrohte, war für eine militärische Lösung zu zahlreich.
Nur mit dem wirkmächtigen Wort sollte der Prophet den offiziellen Regierungskurs absegnen und die störenden Elemente vertreiben. So viel Zutrauen zur Kraft des Wortes bei einem heidnischen König könnte sich geradezu reformatorisch anhören, wäre es kein Verfluchungs-Wunsch!
Obwohl Bileam drei Nächte über den Fluch-Auftrag geschlafen hatte, erkannte er nicht, wohin das führen würde. Nur seine instinktsichere Eselin spürte den Engel mit dem gezückten Schwert, der Ross und Reiter den Weg versperrte. Aber sie musste dafür die Schläge ertragen, die dem gestressten Propheten aus der Peitsche fielen, weil es nicht so weiterging, wie er wollte. Und schließlich schrie das geschundene Tier so laut, dass selbst sein ärgster Feind ihn hörte und verstand. Bileam fiel vom Esel. Zuerst wollte er umkehren und für immer verstummen, aber Engel und Esel überredeten ihn, dass Gott fehlerfreundlich sei, und gerade die schwachen für seine Botschaft stark macht. So zog Bileam mit Eselin und Engelsschutz sensibilisiert weiter. Er sah nun zuerst das Volk - und nicht die Wünsche des Herrschers. So wurde aus Fluch Segen: Weihnachts-Segen, denn Bileam verkündete, dass das Volk Gottes durch den Stern aus Jakobs Stamm gesegnet sei, der aufgeht für alle Völker, die im Finstern sitzen.

Liebe Festgemeinde, Wir schlüpfen aus den Pantoffeln des Propheten Bileams, reiben uns erstaunt die Augen und merken:

1.
Die Eselin ist wegweisend fürs Predigen, auch wenn sie nur demütig auf dem biblischen Wort herumkaut. Ja, Prediger sollen stellvertretend für die Gemeinde auf dem nährenden Wort herumkauen, statt ihren eigenen Willen durchzusetzen. Schon Bileam musste das mühsam lernen, auf seine Eselin, seine leibliche Existenz zu achten, nicht gegen sondern mit ihr auf die Suche zu gehen. Nicht gewaltsam mit dem Kopf durch die Wand, sondern hörend, mit allen Sinnen, das nährende Wort aufspüren, statt die Peitsche zu schwingen und ins Schwert zu rennen.

2.
Prediger sollen sich nicht von den Mächtigen verführen lassen, sondern sich auf die Seite der Schwachen stellen. Weise Prediger schauen auch Eseln aufs Maul, aber sie reden keinem Herrscher nach dem Mund. Sie sollen Verfluchte segnen und nicht Gesegnete verfluchen!   

3.
Das Wort ist oft spröde und unlenksam, man schlägt sich selbst, wenn man ungeduldig wird, beim Hören und beim Reden von Gott. Wir brauchen die Langmut der Eselin, denn es ist eine langfristige und mühevolle, ganzheitliche Bildungsaufgabe, sich selbst und andere mit Gott vertraut zu machen.

4.
Achtsamkeit mit dem Anvertrauten, Grenzen anerkennen, von der Langmut der Eselin lernen, die bekanntlich keine effektheischende Staatskarosse war und doch wertgeachtet, den Heiland zu tragen - das führt zum Segen. Kurz:
Die Eselin ist tatsächlich das beste Wappentier der Predigt!

III
Liebe Festgemeinde, Ich breche hier ab, überlasse die biblischen Bilder Ihrem eigenständigen Widerkäuen und komme zurück auf den Grund dieser Laudatio: Was haben Predigende von Steffensky gelernt und warum wird er heute für sein Lebenswerk geehrt?

Predigen ist zusammen mit der Liturgie und der Tradition, deren Sprachhaus uns beheimatet, auch wenn sie nicht wie angegossen passt, eine langfristig segensvolle aufklärende Bildungsaufgabe, eine Anleitung zum nährenden Selberkauen des Wortes Gottes – Zugang zur süßen Schwarzbrot-Spiritualität.
Diesen Zugang bahnt Fulbert Steffensky für uns als großartiger Lehrer, unaufgeregt und beständig, warmherzig und weise, subversiv, nachdenklich, gebildet, plausibel und deshalb applausfähig!
Lieber Jubilar, Wir sind dankbar für Ihr segensvolles Lebenswerk und applaudieren gerne!