Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Replik Fulbert Steffensky

von Professor Dr. Fulbert Steffensky

Professor Dr. Fulbert Steffensky

Meine Damen und Herren, liebe Mitglieder der Jury, lieber Herr Graf,

Ich danke Ihnen für den Preis, den sie mir verliehen haben. Der Katholik in mir freut sich unverhohlen, dankt und fragt nicht weiter. Der Protestant in mir wehrt sich gegen die Ehre und behauptet, er habe ihn nicht verdient und andere seien viel würdiger.  Wer auch immer Recht hat! Sie müssen die Verleihung des Preises verantworten, nicht ich. Da wir aber im katholischen Bonn sind, wird wohl der Katholik gewinnen. Also freue ich mich unverhohlen.

Was ich bisher gesagt habe, war meine vorbereitete Dankesrede, eingedenk des Bibelwortes: Wer viel redet, wird der Sünde nicht entfliehen. – Dieser Spruch müsste eigentlich über jeder Kandel hängen. Dann aber hat mir Frau Stehncken gesagt, meine Rede solle 5 -10 Minuten dauern.

Ich füge mich also und rede; rede nicht über mein „Lebenswerk“. Der Begriff, auf mich angewandt, belustigt mich eher. Ich frage vielmehr: In welchen religiösen Landschaften hat meine Generation von theologischen Lehrern – Lehrerinnen hat es noch kaum gegeben – gelebt, gearbeitet und gelehrt?

Die erste Station: die Welt des unerschütterten Wissens. Dies war die Spanne der ersten 30 Jahre meines Lebens; eine Zeit, in der ich die ersten Predigten gehalten und Religionsunterricht gegeben habe. Man wusste, was theologisch der Fall war; was zu lernen und zu lehren war. Gross geworden bin ich in einem katholischen Dorf, in dem es keine Fragen gab. Man hatte es schwer zu zweifeln in jener Welt, weil der Glaube von fast allen getragen war; weil es keine anderen religiösen Optionen gab und weil dieser Glaube seine selbstverständliche Praxis und sein unbefragtes Pathos hatte. In dieser Welt kannte man sich nicht, weil man nur sich selbst kannte und weil man nicht durch andere Welten in Zweifel gezogen war. Es war eine Zeit der Geborgenheit, aber keine freie Welt. Wir lehrten, was immer gelehrt wurde. Wir lebten, wie man immer gelebt hatte. Wir lernten und lehrten, was immer gelernt und gelehrt wurde. Es war eine selbstgewisse, aber keine sich selbstbewusste Welt. Ich sage mit Vorsicht, dass es bergende Welten waren. Es waren auch Welten grosser religiöser Ängste. Jeder kann davon reden, der in geschlossenen Abteilungen solcher Welten aufgewachsen ist.

Die zweite Station: Es kamen die grossen Stürme, das Konzil, die Aufbrüche am Ende der 60er Jahre. Es kamen die Fremden, und die Götter, die die alte Welt lange gehütet haben, wurden schwach. Wir Theologen hinterfragten, bezweifelten, räumten um und räumten ab. Wir räumten auf mit der Liturgie, mit alten Gottesbildern, mit rigiden Autoritätsauffassungen, mit kümmerlichen Moralen. Ich sage das nicht selbstkritisch. Dies war unsere Aufgabe. „Alles hat seine Zeit.“, sagt der Prediger. „Abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.“ (3, 2)Vielleicht hat jede Generation nur eine Aufgabe und kann nur eine Aufgabe wirklich bewältigen. Die Aufgabe aber kann man erst erfüllen, wenn man überzeugt ist, dass sie die wichtigste ist. Nicht dass wir alte Häuser eingerissen haben, war der Fehler, sondern dass wir zu spät gefragt haben: Wo sollen unsere Kinder und Enkel eigentlich wohnen. Es gibt wohl unvermeidbare Irrtümer.  Man kann zu spät einreissen, und man kann zu spät aufbauen. So besteht das Lebenswerk meines theologischen Typs auch aus Versagen und Verspätungen. „Geschlagen ziehen wir nachhaus, unsere Enkel fechten’s besser aus.“  - So hoffen wir. Übrigens: Es ist keineswegs so, dass das Charisma des Abreissens in unseren Kirchen überflüssig geworden ist. Aber es ist nicht mehr die Hauptaufgabe.

Die dritte Station: Wir fragen unsere Väter und Mütter neu, was sie eigentlich mit ihren alten Ideen gemeint haben. Wir fragen sie dieses Mal nicht kritisch, sondern in der Hoffnung, dass sie etwas zu vererben haben. Ich erläutere es an meinen eigenen Themen: Ich habe gegen den Ritualismus unserer Gottesdienste gekämpft und frage neu, was Rituale bedeuten. Ich habe gegen das autoritäre Amt geredet und frage heute, was Gehorsam und Demut bedeuten. Ich habe gegen eine problematische Sühnetheologie gewettert und frage heute, was Opfer bedeutet. Ich habe gegen die politische Abstinenz der Gottesdienste und der Kirchen geredet und frage neu, was die köstlichen Nutzlosigkeiten wie das Singen, das Beten und das Feiern bedeuten. Nein, ich bereue nichts von den alten Kämpfen. So musste es sein in der Zeit des Abreissens. Es ist nicht die milde Senilität meines Alters, die mich neu fragen lehrt. Die Welt hat sich geändert, in der wir fragen. Das Brot der Hoffnung ist knapp geworden. So fragen wir unsere Väter und Mütter nicht mehr hauptsächlich, was sie uns verweigern, sondern was sie uns lehren können und was wir unsere Kinder lehren sollen. Ich setze voraus, dass es bei ihnen etwas zu lernen gibt. Ohne diese Voraussetzung und mit der Hermeneutik des reinen Verdachts kann man von niemandem etwas lernen.

Eines habe ich im Laufe meiner Arbeit völlig verlernt: Nach der Korrektheit von theologischen Sachverhalten zu fragen. Dogmatische Stimmigkeit und Widerspruchsfreiheit sind mir gleichgültig geworden. Ich frage nach dem Charme und der Schönheit  dieser Tradition. Schönheit ist kein formal-ästhetischer Begriff. Was denn? Ich frage die Tradition, was die Freiheit, die Würde und das Brot für alle rettet. Ich frage damit nach dem Trost und der Last des schwer zu entziffernden Namens Gottes. Gott und das Brot der Menschen sind wichtig, nichts anderes; nicht einmal die merkwürdige Frage, ob Protestanten und Katholiken gemeinsam das Abendmahl nehmen dürfen. 

Die Hauptfragen des Lebens kann man nicht allein stellen. Ich habe Freunde und Freundinnen, die sie mit mir stellen. Einige sind hier, und ich danke ihnen dafür, dass sie da sind. Mit einer Reihe von Toten habe ich diese Frage gestellt, besonders mit Dorothee Sölle, der Frau, mit der ich Jahrzehnte zusammen gelebt habe. Ich stelle sie mit Li Hangartner, mit der ich jetzt in der Schweiz lebe. Wenn ich diese ärgern wollte, würde ich ihr jetzt danken dafür, dass sie mir den Rücken freigehalten hat für meine theologische Arbeit. Aber sie ist Feministin, und darum werde ich mir die Finger nicht verbrennen.

Zum Schluss eine Anekdote aus der letzten Woche: Ich habe bei einem Kurs in Österreich einen langen Tag mit eine Gruppe zusammen gearbeitet. Am Schluss fragte jemand: Jetzt sagen sie mir doch, ob Sie katholisch oder evangelisch sind! Wetten Sie! antwortete ich. Wenn Sie richtig wetten, bekommen Sie eine Flasche Wein; wenn falsch, gehört der Wein mir. Er hat auf „katholisch“ gesetzt. Er hat die Wette verloren, beziehungsweise gewonnen.

Noch einmal meinen Dank – auch dafür, dass Sie mir zugehört haben.