Predigtpreisverleihung - Schlosskirche Bonn

Selbstbefragung eines 80-Jährigen

Fulbert Steffensky

Wann hast Du Dich zum ersten Mal alt gefühlt?

Als ich die Musik nicht mehr verstand, die meine Enkel lieben. Als ich anfing, tote Autoren lieber zu lesen als die gegenwärtigen. Als ich auf dem Friedhof mehr Bekannte hatte als unter den Lebenden. 

Was wünschst Du Dir in dieser Lage?

Die Kraft, mich als endliches Wesen anzunehmen. Ich möchte mit Schmerz und mit Heiterkeit  lernen, dass meine Welt nicht die Welt meiner Nachkommen sein muss. Mein Glaube und meine Lebensauffassung sollen nicht zum Diktat der Kommenden werden. Ich möchte resignieren lernen, ich möchte mich mit Dank und ohne Ressentiment verabschieden können.

Gelingt Dir das?

Nein! Oder vorsichtiger: manchmal halb. Ich lebe übrigens besser, seit ich mir aus dem Kopf geschlagen habe, es müsse alles ganz gelingen. Wir sind Fragment, das ist nicht nichts!

Glaubst Du an die Weisheit des Alters?

Ein halbes Märchen und eine halbe Wahrheit! Vielleicht könnte weise machen, dass man so viel kommen und gehen gesehen hat und dass man kaum etwas ganz ernst nimmt; keine Theorie, keine Denkmode, kein Entwurf, der mit der Pose der Letztlichkeit daherkommt.  Man ist gefeit gegen die falschen Absolutheiten. Die Ironie des Alters ist schön, wenn sie nicht zynisch wird. Auch das gibt es.

Vielleicht könnte auch die Einsicht in die eigenen Lebensschulden weise machen, weise und gütiger. In jedem Schuldner erkennt man: Er ist wie ich selbst. Man lernt die Wahrheit des Satzes: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

Was hinterlässt Du Deinen Nachkommen?

Vielleicht einiges, was mir geglückt ist. Was mich schmerzt am Ende des Lebens, sind die Lasten, die wir unseren Kindern vermachen. Wir setzen sie gefangen in den Bannkreis unseres Versagens und unserer Schuld.  „Die anderen sind dein Gerichtshof.“ (Pascal Mercier) Wir sind der Gerichtshof unserer Kinder in dem,  was wir ihnen verweigert und falsch gemacht haben. Sie müssen uns vergeben. Zu wissen, dass die Nachkommen uns vergeben müssen, ist die Voraussetzung dafür, gut mit ihnen zu leben.

Glaubst Du an ein letztes Gericht?

Ich hoffe darauf.  Wir haben ein Recht darauf, einmal unverhüllt vor dem Antlitz Gottes zu stehen, wo und wie auch immer – das weiß nur Gott. Es ist eine Gnade, zu erkennen, wer wir sind und was wir waren. Wie alles andere, ist es ein Geschenk Gottes, dass wir uns selbst nicht verborgen sind und dass wir uns in allem Gelingen und in allen Winkelzügen durchschauen können. Es ist nicht nur Pein, wenn wir uns selber schutzlos sehen und wenn wir gesehen werden, wie wir sind. „Er kennt ja unseres Herzens Grund.“, heisst es im 44. Psalm. Vielleicht ist es das Schönste, was man sich denken kann, dass einer, der uns liebt, uns in  unseren Schwächen erkennt, ohne dass uns diese Erkenntnis vernichtet. Dass er „unseres Herzens Grund“ kennt, besser als wir ihn kennen, ist keine Drohung. Es ist der ganze Lebenstrost. Wer hungert nicht danach, endlich erkannt zu werden! Das Gericht Gottes als ein Akt der Liebe!

Das klingt sehr fromm. Wird man im Alter frömmer?

Man sagt, dass die Alten die   Zähne und die Zweifel verlieren. Es stimmt nur das erste. Wenn ich die Welt und ihre Untergänge nicht verleugnen will, kann ich mich nicht mehr zu systematischen Aussagen über Gott verstehen. Der Glaube darf die Widersprüche nicht verleugnen, er muss sie retten. Die Erde ist voll von seiner Güte sage ich, und ich sehe, wie sie rettungslos verkommt.  „Hinfort soll keine Sintflut mehr kommen, die die Erde verdirbt.“ lese ich in meiner Bibel, In meiner Zeitung aber lese ich, dass die Fluten Hunderttausende ersäufen. Nein, man kann das  nicht auf einen Nenner bringen. Das Gebet ist die einzige Stelle, an der die Widersprüche schweigen. In ihm kann  man dem eigenen Unglauben mit Humor begegnen. Wir sind Fragmente, auch in unserem Glauben. Nur Gott ist ganz. Das genügt. Er wird mit meinen schwachen Glaubensversuchen leben können.

Deine Skepsis wundert mich. Du bist doch konservativer geworden, z.B. mit Deiner ständigen Betonung der Tradition und der Gottesdienste.

Ich flüchte gerne in das Glaubensgasthaus meiner Toten und lebenden Geschwister, also in die Tradition und die Gottesdienste. Es sind kleine Fluchten, die das Herz stärker sein lassen, als es von sich aus sein kann. Sie sind der Rollator für meinen hinkenden Glauben. Ich bin im Gottesdienst nicht allein. „Allein bist du kleine!“ – auch beim  Beten, auch mit meinem Glauben und mit meiner Hoffnung. Ich nehme Teil am Glauben von anderen Menschen, und so kann ich leichter das Glaubensbekenntnis sprechen, das Vaterunser und die Psalmen. Ich bin nicht nur auf meinen eigenen windschiefen Glauben angewiesen. Wir teilen den Glauben, wie man Brot teilt in kargen Zeiten. Wenn ich das weiß, dann brauche ich meinen eigenen gebrochenen Glauben nicht zum Maßstab meiner Worte und meiner Lieder zu machen. Gerade wenn man älter geworden ist und seine Niederlagen hat, verzichtet man gern auf sein bisschen Authentizität. Es entsteht eine neue Sehnsucht: sich einzufügen in den Gesang aller, der Anwesenden Geschwister, der Engel und der Toten. Man birgt seine eigene zittrige Stimme in das große Lob der Welt. Man fragt nicht mehr danach, ob das Herz auch fromm genug ist zum Beten; ob die Gebete auch echt sind und ob auch alles von innen kommt. Man schüttet die Tränen seines Glücks und seiner Trauer in das große Meer des Lobes Gottes.

Am Ende: Hast Du gelebt oder wurdest Du gelebt?

Ich weiss nicht, welche meiner Lebensschritte ich wirklich ganz verstehe. Es gibt Grundsituationen der eigenen Existenz, in die man nur eine beschränkte Einsicht hat und  an denen uns das Urteil über uns selbst verweigert ist. Warum bin ich ins Kloster eingetreten? Wie haben sich langsam eine Idee und eine Verpflichtung entwickelt? Ich spüre, wie ich oft wenig Herr im eigenen Haus war. War es eine wirkliche Entscheidung? War es Flucht? War es Lebensunfähigkeit nach dem Schicksal eines Kriegskindes und nach dem Tod des Vaters? Einige Gründe kann ich nennen. Sind es die eigentlichen Gründe? Je älter man wird, desto mehr ist man sich selbst ein Rätsel und muss man mit der eigenen Rätselhaftigkeit leben. Warum habe ich meine politischen Entscheidungen getroffen? War ich Mitläufer? Aber ist es eine Schande, mit guten Läufern mitzulaufen? „Wir sind nicht die Bildhauer unserer Gesichtszüge und nicht Regisseure unseres Ernstes, unseres Lachens und Weinens.“ ( Pascal Mercier) Richtiges und Falsches, Kenntlichkeit und Unkenntlichkeit waren unlösbar miteinander verflochten. Mir bleibt nichts anderes übrig als der Humor meinen eigenen Lebensentscheidungen gegenüber. Mein theologisches Resümee: Man muss sich nicht durchschauen, weil Gott uns kennt. Darum ist Psalm 139 einer meiner liebsten Texte: „Gott, du erforschst mich und kennst mich.“ Das ist doch wohl genug.