Foto von Jesus am Kreuz

Replique

Pastorin Tina Willms

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn mir zu Beginn meines Pastorinnendaseins jemand sagte: Sie dürfen über alles predigen, nur nicht über 15 Minuten, dann hat mich das eher beruhigt als erschreckt. Vielleicht liegt es daran, dass ich Ostfriesin bin, die sollen ja ziemlich wortkarg sein.

In der 11. Klasse musste ich in einer Klausur eine Kurzgeschichte interpretieren. Wir hatten vier Stunden Zeit. Ich brachte es auf knapp zwei Seiten. Bei Seminararbeiten fürchtete ich eher die Mindest- als die Höchstzahl der Seiten. Und meine Examenspredigt war etwa 8 Minuten lang.

Sie können sich vorstellen, wie froh ich war als ich meine erste Andacht für die Lokalpresse schreiben sollte und man mir sagte: Fassen Sie sich kurz.

Seit ich in Hameln Pastorin bin, komme ich meiner Affinität zur kurzen Form vor allem bei unserem lokalen Sender "radio aktiv"nach.

Ich empfinde die Morgenandacht im Radio als Herausforderung, weil ich die Hörerinnen und Hörer weder sehe noch kenne. Ich stelle mir vor, dass viele von ihnen ein distanziertes Verhältnis zur Kirche, ihren Amtsträgern und ihrer Verkündigung haben, manche haben vielleicht gar keine Beziehung mehr dazu. Wie kann ich gerade sie in das Kommunikationsgeschehen hineinholen?
Wie motiviere ich sie, bis zum Ende zuzuhören, und zwar möglichst auch noch gespannt und gern? Wenn ich dabei das oft immer noch recht angestaubte Pastorenbild etwas irritiere, schadet das nichts.
Konkret und lebensnah sollte das Thema sein, es sollte die Erfahrungen, Gedanken und Gefühle der Hörerinnen und Hörer berühren und mit ihrem Leben zu tun haben.
Ein direkter Einstieg, nachvollziehbare Gedankengänge und ein stimmiger Schluss sollen das Zuhören leicht machen.

Neben der theologischen Sorgfalt lege ich besonderen Wert auf eine verständliche, phantasievolle und anschauliche Sprache. Satzlänge, Stellung von Subjekt und Prädikat, die sinnvolle und kreative Verwendung von Adjektiven gehören zum Handwerkszeug.

Vor allem aber: Worte, die zum Wahrnehmen, Fühlen und Erinnern ermutigen, Sätze, die Raum lassen für einen Prozess, der ins Rollen kommt.

Die Sprache, davon bin ich überzeugt, kann dazu beitragen, das Evangelium geschehen zu lassen, sie hat Anteil an dem, was sie vermittelt.

Sie kann die Hörerinnen und Hörer ermutigen, die Tür zur Wirklichkeit Gottes einen Spalt breit zu öffnen, sie hilft, Sehnsüchte wachzurütteln, verschüttete Hoffnungen freizulegen, und eine Ahnung von dem entstehen zu lassen, was anders sein könnte.

Die Sprache kann den Horizont aufreißen und eine Vision eröffnen, die einen Tag, eine Woche und manchmal sogar ein Leben verändert.

Umgekehrt kann sie zum Abschalten oder inneren Auswandern einladen oder gar nötigen, und es dem Heiligen Geist unnötig schwer machen, sein Werk zu tun.

Deshalb meine ich: Recht hat mein Lehrer Otmar Schulz, wenn er sagt: Sie sollen sich anstrengen, nicht die Hörerinnen und Hörer. Und deshalb begrüße ich das Anliegen des Predigtpreises, die Redekunst und -kultur in Kirche und Gesellschaft zu fördern.

Ich freue mich, dass ich gerade für eine Kurzandacht den Predigtpreis erhalte, ich empfinde das als große Ermutigung und danke Ihnen, der Jury von Herzen. Ich bin glücklich über meinen Sohn Jan-Lukas, nicht nur, weil er Fragen stellt, die mich theologisch herausfordern. Ich danke meinem Mann, Thomas Müller für Korrekturen, Anregungen und Unterstützung. Thomas Kabel hat mich für Kontraproduktives in Sprache, Form und Auftreten sensibilisiert, Otmar Schulz und Ulrike Millhahn haben mir den journalistischen Blick auf die Gestaltung von Texten vermittelt. Das ist bis heute hilfreich für meine Arbeit. Für Kurzandachten, aber auch für Predigten, von denen ich übrigens meine, dass sie ruhig lang sein dürfen, nur langweilig sollten sie nicht sein.

Fünf Minuten hat Herr Matthis mir gestattet. Ich habe mich wie üblich etwas kürzer gefasst. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.